Die interalliierte Militärkontrollkommission hat in diesen Tagen die diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Paris erneut belastet. Wie jetzt feststeht, hat der französische General Walch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kommission am 2. und 3. Juli insgesamt drei Schriftstücke an den deutschen Reichskommissar bei der Kommission, General von Pawel, gerichtet.[1] Zwei dieser Schriftstücke betreffen Einzelfragen wie den Gebrauch gepanzerter Kraftwagen und die Ausbildungsvorschriften der Reichswehr; das dritte und politisch folgenreichste behandelt die Stellung des Generals von Seeckt an der Spitze der Heeresleitung.[1][2]

Das Eigentümliche an der letzten Note liegt darin, dass die Kontrollkommission eine Forderung erhebt, die ihren eigenen früheren Beschlüssen direkt widerspricht. Vor der Räumung der Kölner Zone hatte die Kommission beanstandet, dass General von Seeckt der tatsächliche Oberbefehlshaber der Reichswehr sei. Daraufhin wurde seine Stellung durch Reichsgesetz und in Übereinstimmung mit der Botschafterkonferenz verändert: Er ist in den Organismus des Reichswehrministeriums eingegliedert und von der Stellung als unmittelbarer Vorgesetzter der gesamten Reichswehr entbunden worden.[1] Nunmehr verlangt General Walch, dass die Reichswehr doch einen Oberbefehlshaber erhalten soll — und zwar in der Person eines der beiden Gruppenkommandeure.[2] Worin der sachliche Unterschied zu der bereits vollzogenen Regelung bestehen soll, vermag die Badische Presse nicht zu erkennen; sie stellt fest, dass für diese Forderung im Versailler Vertrag „nicht die geringste Berechtigung“ vorliege und dass General Walch damit seine Unkenntnis der Vertragsbestimmungen unter Beweis gestellt habe.[1]

Der Westfälische Merkur wertet die gesamte Aktion als politischen Schritt der Generäle um Marschall Foch, dessen eigentlicher Zweck darin bestehe, den von der Militärkommission als gefährlich eingestuften General von Seeckt aus seiner gegenwärtigen Stellung herauszudrängen.[2] In diese Deutung fügt sich auch die Einschätzung der Neuen Freien Presse: Mit Deutschlands bevorstehendem Eintritt in den Völkerbund würde die interalliierte Kontrolle durch eine zeitweilige Überwachung durch die Völkerbundkommission ersetzt; die französischen Militärs, die das Werk von Locarno bekämpfen, suchten deshalb nach neuen Beschwerdegründen, um die Auflösung der Kontrollkommission zu verzögern.[3] Den deutschen Nationalisten, die ihrerseits Locarno feindlich gegenüberstehen, habe diese Aktion Anlass zu lebhafter Agitation in der Rechtspresse gegeben.[3]

In Londoner Regierungskreisen ist die Zuspitzung nach Berichten der Deutschen Allgemeinen Zeitung mit einiger Überraschung aufgenommen worden. Man habe zunächst geglaubt, es handle sich um eine Note der Botschafterkonferenz, wovon dort jedoch nichts bekannt war. Eine derart scharfe Note wäre, wie es hieß, unzeitgemäß und auch unberechtigt. Die Forderung nach Absetzung des Generals von Seeckt sei sicher nicht erhoben worden. Es liege nahe, dass es sich bei der Abfassung der Note eher um einen persönlichen Schritt Walchs handle, und man sei sich in London über die Wirkung solcher Vorstöße in Deutschland nicht ganz im Klaren.[4]

Der Vorgang hat unterdessen einen innenpolitischen Zwischenfall von beträchtlichem Ausmaß ausgelöst. Wie das Hamburger Echo mitteilt, lagen die drei Noten volle sechs Tage im Reichswehrministerium, ehe sie dem Reichskanzler und dem Auswärtigen Amt zugeleitet wurden.[5] Die Badische Presse ergänzt, dass die zuständigen Referenten beschlossen hatten, die Behandlung der Noten bis zur Rückkehr des beurlaubten Generals von Pawel aufzuschieben; erst am gestrigen Morgen wurden die Abteilungschefs des Reichswehrministeriums unterrichtet, und ein gemeinsamer Vortrag vor Minister Geßler kam aus unbekannten Gründen nicht zustande.[1][2] Noch bevor die leitenden Stellen informiert waren, erschien der Inhalt der Noten in zwei rechtsstehenden Blättern, deren Berichte sich im Nachhinein als aus Berlin stammend erwiesen.[5] Das Hamburger Echo stellt die Frage, wer das Material an die Rechtspresse weitergegeben habe, und vermutet, dass höhere Offiziere des Reichswehrministeriums auf diese Weise Politik gegen Außenminister Stresemann betreiben wollten.[5]

Das Pariser Generalsekretariat der Botschafterkonferenz hat derweil ausdrücklich versichert, dass keine Note der Botschafterkonferenz selbst in der Abrüstungsfrage an die Reichsregierung abgesandt worden sei.[1] Zwischen der Militärkontrollkommission als ausführendem Organ und der Botschafterkonferenz als beschließendem Organ dürfe keine Verwechslung stattfinden.[1] Dem Figaro zufolge erörterte der deutsche Botschafter von Hoesch gestern Nachmittag bei Briand sowohl die Abrüstungsfragen als auch den deutschen Wunsch nach einer Verringerung der Besatzungsstärke im Rheinland; an der Unterredung nahm auch der Generalsekretär des französischen Außenministeriums, Philippe Berthelot, teil.[2][6] Die Neue Freie Presse berichtet, dass für Ende dieser Woche ein Kabinettsrat in Berlin erwartet wird, der zu den Noten Stellung nehmen soll — und dass in deutschen Regierungskreisen die Überzeugung vorherrscht, die gegen General von Seeckt gerichtete Forderung entbehre jeder vertragsrechtlichen Grundlage.[3]