Die französische Währungskrise hat heute einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wie das Berliner Tageblatt aus Paris berichtet, wurde der Kurs von 200 Francs für ein Pfund Sterling — seit Monaten in der Presse als äußerste Katastrophenmarke beschworen — im Laufe des heutigen Vormittags bereits überschritten.[1] Im vorbörslichen Devisenverkehr begann das Pfund bei 199,25 Francs; um halb zwölf Uhr war es auf 204,35 Francs gestiegen, der Dollar auf 42 Francs.[1] Schon gestern Nachmittag war das Pfund kurzzeitig mit 209 Francs angeboten worden, bevor es auf knapp 199 Francs zurückging.[1] An der Pariser Börse herrscht eine Nervosität, die durch die Ungewissheit über den Fortbestand der Regierung zusätzlich geschürt wird. Die Regierung selbst und die Banque de France bewahren nach außen hin bemerkenswerte Ruhe.[1]
Der Excelsior zitiert in einem Interview die Auffassung, die Presse selbst trage durch sensationelle Berichterstattung über die Leiden und Hoffnungen des Franc zu den Kursschwankungen bei und solle der Regierung die nötige Arbeitsruhe lassen.[1] Diese Einschätzung mag als Schönfärberei erscheinen; dass die Unsicherheit über die Stabilität des Kabinetts Briand-Caillaux die Nerven der Börse stark belastet, lässt sich dennoch schwerlich bestreiten.[1]
Vor diesem Hintergrund hat der Ministerrat gestern Abend nach eingehenden Darlegungen durch Finanzminister Caillaux eine Reihe von Entscheidungen getroffen. Der Figaro veröffentlicht die offizielle Verlautbarung, der zufolge der Ministerrat die endgültigen Bestimmungen festgelegt hat. Er will sie dem Parlament zur Billigung vorlegen, um eine rasche Abstimmung über sein Projekt zur finanziellen Sanierung und Währungsstabilisierung zu erreichen.[2] Weiteres verschweigen die Minister — ein Sprecher erklärte, über die Einzelheiten der Vorhaben sei noch nichts offiziell mitzuteilen.[2]
Nach Informationen des Figaro wird Caillaux der Finanzkommission der Kammer heute jedoch nicht ein bloßes Dringlichkeitsverfahren vorschlagen, wie die amtliche Verlautbarung vermuten lassen könnte, sondern einen förmlichen Antrag auf Ermächtigung zu allen für die finanzielle Sanierung erforderlichen Maßnahmen stellen.[2] Eine Begründungsschrift soll die beabsichtigten Maßnahmen im Einzelnen darlegen.[2] Daneben hat der Ministerrat beschlossen, bis auf weiteres keine neuen Beamten mehr einzustellen — weder durch Wettbewerb noch auf anderem Wege.[2] Ausgenommen bleiben lediglich Schüler staatlicher Schulen, die ihr Studium bereits begonnen haben, sowie Bewerber, für deren Prüfungen bereits Termine festgesetzt sind.[2] Eine Entlassung vorhandener Beamter ist nicht vorgesehen; jedoch sollen nach dem Ausscheiden von Stellen keine Nachfolger mehr ernannt werden, sofern es sich nicht um ausdrücklich begründete Ausnahmen handelt, über die der Ministerrat selbst zu befinden hat.[2]
Dem Vorwärts zufolge ist es vor allem die Furcht vor einem Schicksal des Franc ähnlich dem der alten deutschen Papiermark, die in verschiedenen Bevölkerungskreisen erstmals ernsthaft diskutiert wird.[3] Hinzu kommt die Nachricht aus Belgien, wonach die dortige Regierung angeblich erwägt, den belgischen Papierfranc fallen zu lassen und eine neue Goldwährung einzuführen — eine Meldung, die in Pariser Finanz- und politischen Kreisen fast panikartige Reaktionen ausgelöst hat.[3] Caillaux glaube, schreibt das Berliner Tageblatt, dass die Stimmung unter diesen Umständen für eine Erteilung der von ihm gewünschten Vollmachten günstiger geworden sei.[1][3] Die Sozialisten allerdings, die den Gesamtplan des Kabinetts Briand-Caillaux als gefährlich für die Zukunft des Franc ablehnen, wollen solche Vollmachten nach dem Zeugnis des Vorwärts weiterhin bekämpfen.[3] Im Pariser Kommentar ist dafür bereits die Formel ‚halbe Courage' im Umlauf: gemeint ist der Vorwurf, die Regierung scheue vor wirklich einschneidenden Maßnahmen zurück und begnüge sich mit halbherzigen Kompromissen.[1]