Reichskanzler Dr. Marx wird heute Vormittag von seiner Reise durch die befreiten Gebiete des Rheinlandes nach Berlin zurückkehren und unverzüglich die Amtsgeschäfte wieder übernehmen.[1][2] Eine Kabinettssitzung ist in dieser Woche voraussichtlich nicht mehr zu erwarten, sodass die Reichsregierung sich erst Anfang nächster Woche mit der jüngsten Note der Interalliierten Kontrollkommission befassen wird.[1][2]
Unter den anstehenden Personalfragen erregt die Besetzung eines Ministerpostens besondere Aufmerksamkeit. Dem Westfälischen Merkur zufolge soll der Zentrumsabgeordnete Dr. Bell für ein Ministeramt in Aussicht genommen sein; nach der Rückkehr des Kanzlers würden entsprechende Ernennungen umgehend eingeleitet.[1] Die Unterzeichnung der Ernennung des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Hugo Lerchenfeld zum Gesandten des Reiches in Wien durch den Reichspräsidenten steht laut der Badischen Presse noch aus, dürfte jedoch im Laufe der nächsten Woche vollzogen werden.[2]
Der Rheinlandbesuch des Kanzlers fällt in eine Zeit fortdauernder Spannungen um die Besatzungsfrage. Die Badische Presse berichtet, dass Frankreich die Schwierigkeiten des Kabinetts Briand nutze, um eine Verringerung der Besatzungsstärke auf das in Locarno vereinbarte Maß hinauszuschieben.[2] Das Pariser Blatt Echo de Paris stellte dabei offen fest, dass mit dem Rheinkommandanten als neuem Kriegsminister die Sicherheit Frankreichs gewährleistet sei. Nach Einschätzung der Badischen Presse kann das nur bedeuten, dass keine Neigung zu einer Truppenreduzierung bestehe.[2]