Die Hoffnungen auf eine baldige Beilegung des verheerenden Konfliktes im britischen Bergbau haben einen schweren Rückschlag erlitten.[1] Die intensiven Vermittlungsversuche, die in den vergangenen Tagen von den Vertretern der freien Kirchen sowie dem Generalrat des britischen Gewerkschaftskongresses unternommen wurden, sind vorerst gescheitert.[1] Wie die Neue Freie Presse berichtet, trat der Vollzugsausschuss der Bergarbeitergewerkschaft nach einer sechsstündigen Sitzung auf unbestimmte Zeit auseinander. Die erwartete Delegiertenkonferenz wurde nicht einberufen, und eine öffentliche Stellungnahme zu den Schlichtungsvorschlägen blieb ebenfalls aus.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge erklärte der Gewerkschaftsführer Cook, dass keinerlei Vorbereitungen für eine solche Konferenz getroffen worden seien.[2] Ein Frieden in der Industrie erscheint außerordentlich unwahrscheinlich, solange die Bergarbeiter an ihren Forderungen — keine Lohnreduzierung, keine Verlängerung der Arbeitsstunden und keine distriktmäßigen Abkommen — unverrückbar festhalten.[2]
Zwischen den Bergarbeitervertretern und den Führern der übrigen Gewerkschaften ist es zu überaus scharfen Auseinandersetzungen gekommen.[1] Die Vertreter der Bergleute warfen den anderen Verbänden und den Bischöfen vor, der Streik wäre längst siegreich beendet worden, wenn ihnen deren volle materielle und moralische Unterstützung zuteilgeworden wäre.[1] Die Gewerkschaftsführer entgegneten jedoch eindringlich, dass Millionen von weitaus schlechter bezahlten Arbeitern bittere Not leiden müssten, weil sich die Bergarbeiter nicht von den Schlagworten ihrer unbesonnenen Führung lösen könnten.[1] Zur Veranschaulichung der Belastung gab die Transportarbeitergewerkschaft bekannt, dass ihr gesamtes Vermögen in Höhe von 450.000 Pfund durch den Generalstreik und die Unterstützung der Kumpel vollständig aufgebraucht sei.[1]
Eine zentrale Rolle in den gescheiterten Verhandlungen spielte ein Vorschlag, der einen viermonatigen Waffenstillstand auf der Basis der alten Aprillöhne und der Beibehaltung der siebenstündigen Arbeitszeit vorsah.[1][2] Während dieser Zeit sollten Verhandlungen geführt werden; im Falle eines Scheiterns sah der Plan die Anrufung eines unabhängigen Schiedsrichters vor.[2] Dieser Plan musste jedoch aufgegeben werden, da sich einerseits die Regierung weigerte, weitere zehn Millionen Pfund an Subventionen bereitzustellen, und andererseits sowohl die Grubenbesitzer als auch die Bergarbeiter einen Schiedsrichter ablehnten.[2] Die entschiedene Haltung der Regierung zeigt sich auch in einem Schreiben von Ministerpräsident Baldwin an den konservativen Kandidaten für die Nachwahl in Wallsend.[3][1] Darin betont Baldwin, dass eine fortlaufende Subvention verhängnisvoll wäre. Die Zustimmung zu Lohnkürzungen müsse jeder Verhandlung zwingend vorausgehen.[3][1] Nur wenn beide Seiten zu Opfern bereit seien, werde die Regierung alles tun, um eine Erörterung vernünftiger Vorschläge zu ermöglichen.[1]
In politischen und finanziellen Kreisen verbreitet sich dennoch ein vorsichtiger Optimismus. Nach Angaben der Kölnischen Zeitung beruht dieser nicht auf offiziellen Verhandlungen, sondern auf vertraulichen Gesprächen.[4] Zwei namhafte Volkswirtschaftler, Layton, der Herausgeber des Economist, und Seebohm Rowntree, bemühen sich, zwischen Regierung, Grubenbesitzern und Bergarbeitern zu vermitteln.[1][4] Die einflussreiche Times übt währenddessen Kritik am Kabinett. Ihr zufolge hat es sich nicht genügend bemüht, eine Wiederaufnahme der Verhandlungen herbeizuführen.[4] Aus Regierungskreisen sind inzwischen versöhnlichere Töne zu vernehmen: Der Kriegsminister Sir Laming Worthington-Evans erklärte in Cambridge nach einer Sitzung mit parlamentarischen Bergarbeiterführern, er habe nur den besten Willen feststellen können, und sprach von einem ‚günstigen Wind‘.[4]
Bei den Bergleuten hat sich jüngst ein Personalwechsel vollzogen, welcher die kommenden Verhandlungen beeinflussen könnte. Nach Angaben des Hamburger Echo treten neun neue Mitglieder in die Exekutive des Verbandes ein; zunächst soll diese Neuwahl jedoch keine offizielle Änderung der Politik bedeuten.[3] Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Äußerung Cooks, der andeutete, man sei zu Gesprächen über Lohnkürzungen bereit, sofern garantiert werde, dass die Reorganisationsvorschläge der Kohlenkommission vollständig umgesetzt werden.[3] Während im Inland nach einer Lösung gesucht wird, stellt die sowjetische Prawda den britischen Arbeitskampf propagandistisch als ‚heroischen Kampf‘ dar, in dem die Kapitalisten versuchen, den Widerstand der Arbeiter durch Aushungern zu brechen.[5] Ob die diskreten Vermittlungen in den nächsten Wochen zu einer Wiederaufnahme der Verhandlungen führen, bleibt abzuwarten.[4]