Die Reise des amerikanischen Schatzsekretärs Mellon und des Bankiers Pierpont Morgan nach Europa gibt Anlass zu weitreichenden Spekulationen.[1] Vor seiner Einschiffung auf dem Dampfer Majestic erklärte Mellon gegenüber der Presse, er reise lediglich zu Erholungszwecken.[2] Nach Angaben amerikanischer Blätter gilt es jedoch als äußerst wahrscheinlich, dass er in Paris an Finanzkonferenzen teilnehmen wird. Dort soll die Zukunft des französischen Frankens erörtert werden.[2] Wie das Hamburger Echo meldet, verdichten sich die Gerüchte über bevorstehende geheime Unterredungen in Frankreich.[1] An diesen sollen neben Mellon und Morgan auch der Gouverneur der Bank von England, Norman, der Gouverneur der Federal Reserve Bank, Strong, der Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, sowie Reichsbankpräsident Schacht teilnehmen.[1] Zunächst wird Mellon allerdings London besuchen.[1]

Die Ankunft der amerikanischen Finanzführer fällt mit einer schweren innenpolitischen Krise in Frankreich zusammen. Die Kammer hat das Vollmachtgesetz des Finanzministers Caillaux mit 288 gegen 213 Stimmen abgelehnt und damit die Regierung Briand-Caillaux gestürzt.[1] Die Ablehnung der weitreichenden Vollmachten durch das Parlament unterstreicht den Widerstand gegen die internationale Finanzkontrolle.[1] Vor dem Hintergrund der französischen Finanznot wurde wiederholt vermutet, Amerika wolle verhindern, dass sich Frankreich der englischen Finanzwelt allzu sehr unterordne. Es wird auch angenommen, dass gemeinsam mit England eine Sanierung der französischen Währung erzwungen werden solle.[1]

Die amerikanische Haltung in der Schuldenfrage bleibt konsequent. In einem jüngst veröffentlichten Antwortschreiben an Frederick W. Peabody betonte Mellon, dass die amerikanische Regierung ihre Pflicht gegenüber den Steuerzahlern verletzen würde, stimmte sie einer Streichung der Kriegsschulden zu.[3] Laut dem Pariser Figaro machen diplomatische Kreise in Washington die Ratifizierung des Abkommens Mellon-Bérenger durch die französische Kammer zur strikten Vorbedingung für amerikanische Finanzhilfen.[2] Das amerikanische Schatzamt ist indes bemüht, Frankreich die Zusicherung zu geben, dass französische Anleihen nicht plötzlich auf den Markt geworfen werden.[2] Der wiederholte Vorwurf in Europa, die Amerikaner verhielten sich wie "Shylock", hat in den Vereinigten Staaten erhebliches Unbehagen ausgelöst.[2]

Die anstehenden Beratungen der Notenbankpräsidenten könnten zudem eine Revision bestehender Verträge ins Auge fassen.[1] Dies gilt insbesondere im Hinblick auf den Briefwechsel zwischen Caillaux und dem britischen Schatzkanzler Churchill. Dieser Austausch sieht Eventualitäten für den Fall vor, dass Deutschland mit seinen Reparationsleistungen zurückbleibt.[1] Unterdessen bemüht man sich auch an anderer Stelle um eine Klärung: Der französische Unterstaatssekretär für Finanzen, Duboin, ist in Brüssel zu ersten informellen Gesprächen mit dem belgischen Minister Francqui eingetroffen, um die Ansichten beider Länder zur Überwindung der Währungskrise auszutauschen.[2]