Der bisherige Kammerpräsident Édouard Herriot hat die schwierige Aufgabe übernommen, Frankreich eine neue Regierung zu geben.[1] Staatspräsident Gaston Doumergue betraute ihn mit der Kabinettbildung, nachdem das Ministerium unter Aristide Briand und Finanzminister Joseph Caillaux in der Kammer mit 288 gegen 243 Stimmen gestürzt worden war.[2] Dieser Entscheidung war ein scharfes parlamentarisches Duell vorausgegangen. Herriot hatte die Vorfrage gestellt, ob der Gesetzentwurf über die von Caillaux geforderten Vollmachten überhaupt diskutiert werden dürfe. Er warf der Vorlage vor, mit ihrem kategorischen Ton jedes republikanische Gefühl zu verletzen.[1] Briand hatte noch versucht, das Steuer herumzureißen. Er mahnte die Abgeordneten, das Wohl des Landes nicht einem rein parlamentarischen Mechanismus zu opfern, und verlangte unbedingtes Vertrauen für den verantwortlichen Leiter der Politik.[1] Dennoch stimmte die Mehrheit gegen ihn, womit Herriot als Sieger aus diesem politischen Machtkampf hervorging.[1]

Die Linkspresse Frankreichs feiert den Sturz als einen Sieg des republikanischen Gedankens über die Diktaturgelüste des bisherigen Finanzministers.[1] Das Staatsoberhaupt Doumergue drängt auf eine rasche Lösung angesichts der akuten Währungskrise.[1] Am gestrigen Abend begab sich Herriot um 21 Uhr 30 in den Élysée-Palast und beriet anderthalb Stunden lang mit dem Präsidenten.[3] Bei seiner Ankunft kam es vor den Toren des Palastes zu feindlichen Kundgebungen einer wartenden Menschenmenge, die in wüste Rufe wie „Nieder mit Herriot“ und gellende Pfeifkonzerte ausbrach.[4] Starke Polizeikräfte mussten eingreifen, um die Zugänge freizuhalten, wobei es zu unblutigen Zusammenstößen kam.[4] Herriot erklärte anschließend gegenüber der Presse, seine Hauptsorge gelte der sofortigen Stabilisierung und der Kursbesserung des Franken.[3]

Wie der Vorwärts meldet, zeichnet sich eine Regierung auf der Grundlage der vereinigten Linken ab.[4] Herriot selbst soll neben dem Ministerpräsidium auch das Außenministerium übernehmen.[4] Für das Finanzressort ist Anatole de Monzie im Gespräch, während René Renoult Justizminister, Camille Chautemps Innenminister und Édouard Daladier entweder Kriegs- oder Unterrichtsminister werden sollen.[4] Die vorliegende Ministerliste erinnert stark an Herriots erstes Kabinett nach den Maiwahlen des Jahres 1924.[4] Um seine parlamentarische Basis zur politischen Mitte hin abzusichern, hat Herriot jedoch auch gemäßigtere Politiker wie Louis Loucheur, Henry Chéron und Paul Jourdain berufen.[4] Dennoch stellt dieses Bündnis im Kern einen deutlichen Ruck nach links dar, den Beobachter bereits als reine Kampfregierung bezeichnen.[4]

Herriot hat einen offiziellen Aufruf an die sozialistische Partei gerichtet, damit sie in seine Regierung eintritt.[3] Die Haltung der Sozialisten ist jedoch gespalten. Da viele Abgeordnete bereits zu Propagandazwecken in die Provinz abgereist waren, nahmen an der entscheidenden Fraktionssitzung am Sonntag nur 13 von 97 Mitgliedern teil.[1] In der Debatte kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Abgeordnete Jean Zyromski forderte die strikte Ablehnung des Angebots, woraufhin es sogar zu tätlichen Auseinandersetzungen mit dem Vorsitzenden Peyral kam.[1] Schließlich wurde eine Abordnung — bestehend aus Léon Blum, Vincent Auriol und Pierre Renaudel — zu Verhandlungen mit Herriot entsandt.[1] Die Sozialisten machen ihre Unterstützung unumstößlich von der Einführung einer Kapitalabgabe abhängig.[4] Der Washington Post zufolge liegt der Kern des finanziellen Streits gerade in der Entscheidung zwischen ausländischen Anleihen und einer derart weitreichenden Vermögensabgabe, an der bereits die Vorgängerregierung gescheitert ist.[5]

Auf der rechten Seite stößt Herriot unterdessen auf unüberwindliche Hindernisse. Der Führer der Demokratischen Union, Louis Marin, gab nach einer Unterredung mit Herriot die kühle Erklärung ab, dass die Wiederaufrichtung des Franken unter dem neuen Kabinett keinerlei Fortschritte machen werde.[6] Damit ist eine breitere parlamentarische Verständigung zur Lösung der Krise gescheitert.[6]

Hinter all diesen politischen Manövern steht die ungelöste Krise der französischen Währung. Der Franken erlebte an den internationalen Börsen heute einen weiteren, beispiellosen Sturz.[4] Für ein britisches Pfund wurden zeitweise bis zu 225 Franken gezahlt, und im Berliner Freiverkehr erhielt man für eine Mark nunmehr 1,125 Franken.[4] Jeder neue Frankensturz fördert die sogenannte Schleuderausfuhr der französischen Industrie. Dies wiederum bedroht die Absatzmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt und könnte die Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich empfindlich verschärfen.[4]

Die Auslandpresse kommentiert die französischen Verhältnisse mit wachsender Besorgnis und scharfer Kritik. Aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass das Votum der Kammer einen unglücklichen Sieg theoretischer Prinzipien über die praktische staatliche Notwendigkeit darstelle.[6] Die Berliner Germania ergänzt, Frankreich scheine noch nicht reif zu sein, das Problem der Stabilisierung erfolgreich und aus eigener Kraft in Angriff zu nehmen.[6] Nach Auffassung des Blattes fehle es an einem Staatsmann von ausreichender Energie, sich gegen die tiefsitzende Steuerscheu des französischen Bürgertums und die Eifersucht des Parlaments auf seine Vorrechte durchzusetzen.[6]