Die Sowjetunion verliert eine ihrer prägendsten und unerbittlichsten Gestalten. Laut offiziellen Meldungen aus Moskau ist der Volkskommissar Felix Dscherschinski (Feliks Dzierżyński), Vorsitzender des Obersten Wirtschaftsrates und Chef der staatlichen Geheimpolizei, unerwartet gestorben.[1] Nach übereinstimmenden Nachrichten erlag er im Alter von 49 Jahren einem plötzlichen Herzschlag.[2][1] Die Moskauer Prawda präzisiert den Zeitpunkt des Todes auf den gestrigen Nachmittag um 16.40 Uhr.[3] Demnach starb Dscherschinski an einem schweren Herzanfall, der ihn unmittelbar nach einer leidenschaftlichen und inhaltsschweren Rede vor dem versammelten Zentralkomitee traf.[3] Er brach zusammen und verstarb kurz darauf; noch wenige Augenblicke zuvor hatte er bei internen Debatten mit großer Entschlossenheit für seine wirtschaftspolitischen Grundsätze eingetreten.[3]
Mit dem Tod Dscherschinskis schließt sich das Lebenskapitel eines Mannes, der wie kaum ein anderer die gewaltsame Sicherung der bolschewistischen Herrschaft verkörperte. Der im Jahre 1877 geborene Revolutionär stammte aus dem polnischen Adel, widmete sich aber bereits seit 1895 der sozialistischen Untergrundbewegung.[1] Der Vorwärts betont, dass Dscherschinski, ebenso wie viele maßgebende Führer der russischen Kommunistischen Partei, aus der polnischen Bewegung hervorgegangen ist.[4] Er zählte zu den treuesten Mitstreitern Wladimir Lenins, was auch das Hamburger Echo unterstreicht, indem es Dscherschinski als einen der ältesten und fähigsten Streiter der Bolschewisten bezeichnet.[5] In den Schicksalstagen der Oktoberrevolution von 1917 gehörte er dem entscheidenden Militärisch-Revolutionären Komitee an.[3]
Sein Weg an die Spitze des neuen Staates war von schweren Entbehrungen geprägt, welche seinen Willen formten. Die Prawda erinnert an seine lange Leidenszeit in zaristischen Gefängnissen, an die Inhaftierung in der Warschauer Zitadelle, an sibirische Verbannung und an Zwangsarbeit, die sich über Jahre erstreckte.[3] Diese Erfahrungen ließen ihn zu einem Mann von fast mönchischer Strenge gegen sich selbst heranreifen, der ein durch und durch aszetisches Dasein führte.[4]
Der Weltöffentlichkeit war er indes in erster Linie als gefürchteter und vielerorts gehasster Leiter der Außerordentlichen Kommission, der Tscheka, bekannt; diese wurde später in die Vereinigte Staatspolitische Verwaltung umgewandelt.[4][1] Die Washington Post beschreibt das Paradoxon seiner Persönlichkeit: Äußerlich besaß er ein beinahe träumerisches Temperament und zeigte auffallend milde Umgangsformen.[6] Doch wenn es um die Verfolgung vermeintlicher Feinde der Sowjetrepublik ging, kannte er keine Gnade.[6] Seine Partei stellte den äußerlich unscheinbaren, jedoch als Organisator geschätzten Mann auf die gefährdetsten und schwierigsten Posten.[5][4]
Als die junge Räterepublik im Dezember 1917 von inneren Feinden, Sabotage und ausländischen Mächten bedrängt wurde, vertraute Lenin ihm die Leitung der neugegründeten Geheimpolizei an.[3] Dscherschinski schreckte vor nichts zurück, wenn er es für notwendig hielt, die Errungenschaften der russischen Revolution zu verteidigen.[5][4] Seine Philosophie des Terrors formulierte er einst mit großer Klarheit. Laut der Washington Post verstand er seine Aufgabe als Chef der Tscheka so, „weder zu urteilen noch zu begnadigen, sondern jeden zu vernichten, der auf der anderen Seite der Barrikade steht.“[6] In diesem Kampf zweier Welten gebe es keinen dritten Weg, so erklärte er, und fügte hinzu: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“[6]
Nachdem die militärischen Existenzkämpfe der Sowjetmacht überwunden waren, wandte sich der eiserne Felix weiteren wichtigen staatlichen Aufgaben zu. Zunächst bekleidete er den einflussreichen Posten des Volkskommissars des Innern.[1] Später betraute ihn die Parteiführung mit der Reorganisation des stark beschädigten russischen Eisenbahnwesens, das nach Weltkrieg und Bürgerkrieg in Trümmern lag.[5][4] Auch an diese Aufgabe ging er mit großer Rücksichtslosigkeit und Effizienz heran.[5] Dem Vorwärts zufolge gelang es dem Asketen mit beachtlichem Erfolg, das zerrüttete Verkehrswesen wieder funktionsfähig zu machen.[4]
Dieser organisatorische Erfolg empfahl ihn für die höchste wirtschaftspolitische Position. Bis zu seinem plötzlichen Ableben amtierte er als Vorsitzender des Obersten Wirtschaftsrates der Sowjetunion.[1] Auf diesem Posten trug er die Hauptverantwortung für den industriellen Aufbau und die wirtschaftliche Stabilisierung.
Die offizielle Würdigung in Moskau spiegelt die Machtfülle und Bedeutung des Verstorbenen wider. Das Regierungsorgan Prawda veröffentlicht einen Nachruf, der sich an alle Kommunisten und Arbeiter richtet.[3] Der Verstorbene wird darin als unermüdlicher Organisator und hingebungsvoller Kämpfer der Revolution gewürdigt, der auf seinem Posten durch seine Arbeit aufgerieben worden sei.[3] Das sowjetische Zentralkomitee ruft die Arbeiter und Bauern auf, angesichts dieses Verlustes die Reihen noch fester zu schließen.[3] Die ausländische Presse vermerkt übereinstimmend, dass sein plötzlicher Tod eine beispiellose Lücke in die ohnehin ausgedünnte bolschewistische Garde reißt.[4] Diese Lücke, so das Fazit zahlreicher politischer Weggefährten, werde durch keinen seiner möglichen Nachfolger in gleicher Weise ausgefüllt werden können.[4]