Der frühere Reichskanzler Dr. Joseph Wirth hat einen weithin beachteten Vorstoß zur politischen Sammlung der demokratischen Kräfte unternommen. In einem programmatischen Artikel stellt er fest, dass sich Deutschland derzeit in einem gefährlichen „Schwebezustand“ befinde.[1] Daraus folgert der Politiker die zwingende Notwendigkeit, eine fest gefügte „Republikanische Union“ zu bilden.[2] Er will den reaktionären Strömungen ein geeintes Bollwerk entgegensetzen.[2]

Nach Auffassung des ehemaligen Kanzlers lähmt die häufig negative Politik der Sozialdemokratie die sozialrepublikanischen Kräfte in der Zentrumspartei und bei den Demokraten.[2] Dieses Versagen stärkt unbeabsichtigt die Tendenzen zu einem reinen Bürgerblock.[2] Wirth fordert daher, die parlamentarische Sommerpause für Verhandlungen zu nutzen.[2] Die der Republik treuen Parteien sowie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sollen in einer festen Arbeitsgemeinschaft zusammengefasst werden.[2] Wenn der Reichstag im Herbst wieder zusammentritt, müsse diese Front der Republikaner bereits unerschütterlich bestehen.[2]

Die Resonanz in der Hauptstadtpresse ist überaus lebhaft. Besonders das rechte Lager reagiert alarmiert.[2] Wie das Berliner Tageblatt anmerkt, fürchten deutschnationale Kreise offenbar eine Stärkung des demokratischen Staatsgedankens.[2] So fordert die Deutsche Tageszeitung die Rechtsstehenden auf, nun doppelt aufmerksam zu sein.[3] Die Kreuzzeitung versucht derweil, der Sozialdemokratie angesichts der jüngsten Politik jeden staatserhaltenden Charakter abzusprechen.[2] Gleichzeitig plädiert das konservative Blatt für ein enges Zusammengehen aller politisch rechts gerichteten Kräfte.[3]

Ein Hauptziel der gegnerischen Polemik ist der durchsichtige Versuch, die Zentrumspartei von Wirths Plänen abzubringen.[2] Die Tägliche Rundschau erinnert in spöttischer Weise daran, dass das Zentrum Wirth bereits einmal „ausgeschifft“ habe.[3] Das Blatt bezweifelt offen, dass die Partei gewillt sei, ihn nun sofort wieder als Steuermann an Bord zu nehmen.[3] Zudem warnt die Zeitung das Zentrum davor, seine Prinzipien aufzugeben.[2] Der christliche und nationale Gedanke gehöre schließlich stets zum „eisernen Bestand“ der Partei.[3] Die Deutschnationalen beschwören diese Grundsätze, obwohl sie selbst in der Vergangenheit mehrfach gemeinsam mit den Kommunisten gegen das Reichskabinett gestimmt haben.[2] Ferner wird das Reichsbanner als angebliche rote Truppe geschmäht, bei der die schwarz-rot-goldenen Farben kaum noch wahrzunehmen seien.[3]

Die Rechtsblätter setzen nach Zeitungsberichten große Hoffnungen auf den kommenden Katholikentag in Breslau.[2] Dort sollen angeblich religiöse Vorbehalte gegen eine solche Union mobilisiert werden.[2] Die führende Zeitung des Zentrums, die Germania, verhält sich abwartend.[3] Sie druckt lediglich die entscheidenden Passagen des Wirth-Artikels ab und behält sich eine eigene Stellungnahme für den weiteren Verlauf der politischen Debatte vor.[3]