Das Ringen um die militärische Vorherrschaft in Nordchina dauert unvermindert an. Dem Berliner Tageblatt zufolge ist es den alliierten chinesischen Armeen bislang nicht gelungen, nennenswerte Fortschritte in ihrem großangelegten Kampf gegen die Kuomintschun (Guominjun) zu erzielen.[1] Aus Londoner Depeschen geht hervor, dass eine endgültige militärische Niederlage der Kuomintschun wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen dürfte, sofern keine unerwarteten internen Streitigkeiten zwischen ihren Befehlshabern ausbrechen.[1] Allerdings mehren sich aus Kalgan (Zhangjiakou) Berichte, wonach die eiserne Disziplin, die diese Truppenverbände bisher zusammengehalten und vor Feinden ausgezeichnet hat, allmählich nachlässt.[1]
Um eine Entscheidung herbeizuführen, greifen die alliierten Befehlshaber nun zu weitreichenden strategischen Umfassungsmanövern. Wie das Berliner Tageblatt weiter meldet, soll eine starke Truppenabteilung unter dem Befehl von Tschangtsolin die Hauptstreitkräfte der Kuomintschun weiträumig umgangen haben.[1] Diese mobilen Einheiten stehen angeblich bereits dicht vor Urga (Ulaanbaatar), der Hauptstadt der äußeren Mongolei.[1] Das Ziel dieses kühnen Vorstoßes ist eindeutig: Durch die Einnahme der mongolischen Metropole soll die lebenswichtige Versorgung der Kuomintschun mit Waffen und modernem Kriegsmaterial aus Moskau dauerhaft unterbunden werden.[1]
Während sich die Heere im Norden belauern, lastet die ständige Truppenpräsenz der Generäle wie eine schwere Plage auf der Zivilbevölkerung. Laut einem ausführlichen Bericht der Kölnischen Zeitung sind die hauptstädtische Bevölkerung und der gesamte Umkreis Pekings der Verzweiflung nahe.[2] Offene Gewalttaten, Raub und Plünderungen innerhalb der alten Stadtmauern halten sich bisher noch in Grenzen; außerhalb jedoch schrecken die Soldaten in den Vorstädten und auf dem Lande vor keinem Übergriff mehr zurück.[2] Die Truppen, die sich vielfach aus ehemaligen Räuberbanden rekrutieren, zwingen Männer und Frauen rücksichtslos zu jeder Art von Frondienst.[2] Die ländliche Bevölkerung steht vor dem völligen Ruin: Sämtliche Zug- und Tragtiere wurden requiriert, die letzten Getreidevorräte in den Bauernhäusern vollständig aufgezehrt.[2] Die Söhne der Familien werden gewaltsam zu Kulidiensten herangezogen. Über das Schicksal der Frauen und Mädchen in den besetzten Gebieten wagt man auf den Straßen kaum zu sprechen.[2]
Neben der physischen Ausbeutung betreiben die Kriegsherren eine Währungspolitik, die das wirtschaftliche Leben Pekings systematisch stranguliert. Aus der Kölnischen Zeitung geht hervor, dass die Machthaber beschlossen haben, rund fünf Millionen Dollar in Form von minderwertigem Papiergeld in die Stadt zu pressen.[2] Diese immense Summe wird der Bürgerschaft zynisch als „Kriegsentschädigung" auferlegt — die Einwohner Pekings haben mit den Privatfehden der regionalen Generäle jedoch nichts zu tun.[2] Um gegenüber dem westlichen Ausland geordnete Finanzen vorzutäuschen, erlassen die Marschälle regelmäßig öffentliche Aufrufe und behaupten, die wertlosen Militärscheine würden in bestimmten Straßen vollständig eingelöst.[2] Dieses Versprechen wird jedoch ad absurdum geführt: Oft wird nur einmal wöchentlich für eine einzige Stunde eine verschwindend geringe Summe von 15 bis 20 Dollar an den Ausgabestellen eingelöst.[2]
Das Chaos wird durch eine zügellose Währungsspekulation weiter verschärft. Da Kupfermünzen die praktische Grundlage des täglichen Zahlungsverkehrs bilden, feilschen korrupte Beamte, Zwischenhändler und Spieler in der Stadt erbarmungslos um den Kupferkurs und bereichern sich dadurch an der Not der Bevölkerung.[2] Der Silberdollar als eigentliche Berechnungsgrundlage schwankt derweil innerhalb von vierundzwanzig Stunden mitunter um fünfzig Kupferstücke, was einem plötzlichen Wertverlust von bis zu zwanzig Prozent entspricht.[2] Besonders die städtischen Kaufleute leiden, da sie von bewaffneten Soldaten zum Bankrott getrieben werden. Die Truppen suchen Gaststätten oder Kaufhäuser auf, kaufen Kleinigkeiten im Wert von etwa drei Dollar und legen anschließend einen wertlosen Hundertdollar-Schein aus Militärbeständen auf den Tresen. Mit dem Gewehr im Anschlag verlangen sie dann die Herausgabe von 97 Dollar in barem, echtem Silber.[2]
Wie verbreitet diese kriminellen Praktiken sind, zeigt ein drastischer Fall aus dem traditionsreichen Juifuhsiang (Ruifuxiang), einem der berühmtesten und von Ausländern häufig besuchten Seidengeschäfte in der Chinesenstadt. Nach Angaben der Kölnischen Zeitung engagierte eine Horde von Soldaten kürzlich eine Gruppe von leichten Damen.[2] Diese kauften in den Läden kostbare Seide für Hunderte von Dollar und ließen sich offizielle Rechnungen mit dem Hinweis ausstellen, Bedienstete würden die verpackte Ware in Kürze abholen.[2] Wenig später erschienen jedoch die Soldaten selbst mit den entsprechenden Rechnungen, bezahlten die enormen Summen ausschließlich mit frisch gedrucktem militärischen Papiergeld und zogen mit der Seide davon — triumphierend und höhnisch lachend.[2] Allein durch solche organisierten Betrügereien hat das Juifuhsiang-Haus in nur einem Monat unwiederbringliche Verluste in Höhe von 200.000 Dollar erlitten.[2]