Der Lohnkampf in der schlesischen Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Tagen erheblich zugespitzt.[1] Die Öffentlichkeit wurde bereits durch die Meldung alarmiert, dass auf mehreren Gütern Betriebsstreiks ausgebrochen sind.[1][2] Die tiefere Ursache für den gegenwärtigen Konflikt liegt in dem Umstand begründet, dass in Schlesien seit dem 1. Januar weder ein gültiger Tarifvertrag besteht noch eine Lohnanpassung stattgefunden hat.[1] Mitten in der Erntezeit, die den Arbeitern das Äußerste an körperlicher Kraft abverlangt, wird dieser vertragslose Zustand als besonders bedrückend empfunden.[2]

Die jüngsten Schlichtungsverhandlungen, in denen der Deutsche Landarbeiterverband sowie der Zentralverband der deutschen Landarbeiter eine Erntezulage forderten, blieben ohne Ergebnis.[1][2] Die Arbeitgeber lehnten die Forderungen strikt ab.[1] Wie die Sächsische Staatszeitung ausführt, haben die Gutsbesitzer durch diese Haltung den Weg für ein betriebsweises Vorgehen unfreiwillig freigemacht.[1] Die organisierte Landarbeiterschaft könnte gestützt auf ihre gewerkschaftliche Machtstellung in einzelnen Betrieben unter Umständen mehr erzwingen, als am Verhandlungstisch zu erreichen gewesen wäre.[1] Auch anschließende Verhandlungen über einen regulären Tarifvertrag für das Jahr 1926 sind gescheitert. Die Arbeitgeberseite weigerte sich, über Lohnerhöhungen überhaupt zu diskutieren.[1][2]

Nunmehr beabsichtigt die Reichsregierung, in den festgefahrenen Konflikt einzugreifen und wird zu diesem Zweck in Kürze einen Beamten nach Breslau entsenden.[1] Nach Ansicht des Hamburger Echo täte das Reichsarbeitsministerium gut daran, durch rasche Erfüllung der Forderungen „das bereits glimmende Streikfeuer zu löschen“.[2] In den meisten deutschen Bezirken wurde eine Erntebeihilfe von durchschnittlich drei Mark pro Woche bewilligt.[1][2] Wenn die regulären Barlöhne in einem Bezirk etwas höher liegen, ist die Zulage entsprechend niedriger festgesetzt worden — und umgekehrt.[1][2] Innerhalb Preußens steht eine solche Regelung lediglich noch in Brandenburg, Schleswig-Holstein und Schlesien aus.[2] Da in den weitaus größten Teilen des Reiches eine friedliche Einigung erzielt werden konnte, wächst der Druck auf die schlesischen Gutsbesitzer, sich einem Kompromiss nicht länger zu verschließen.[1]