Ein politisches und finanzielles Drama ersten Ranges hat sich in den vergangenen vierundzwanzig Stunden in der französischen Hauptstadt abgespielt. Das Ministerium Herriot, kaum gebildet, hat bereits eine zerstörende Niederlage erlitten und seine Demission eingereicht.[1] Am späten Mittwochabend verweigerte die Kammer dem Kabinett das Vertrauen, womit die kurze, aber stürmische Amtszeit des Führers der Radikalsozialisten ihr Ende fand.[2] Mit kaum verhohlener Bitterkeit erlebte Herriot, wie er nur wenige Tage, nachdem er selbst das Kabinett Briand-Caillaux gestürzt hatte, ein Opfer ebenjener parlamentarischen Wankelmütigkeit wurde, die das Land an den Rand des finanziellen Abgrunds geführt hat.[3]
Die Sitzung im Palais Bourbon vollzog sich in einer Atmosphäre außerordentlicher Spannung. In einer voll besetzten Kammer verlas Herriot zunächst eine ministerielle Erklärung, in der er betonte, das Land müsse sich aus eigenen Kräften retten.[2] Er versicherte, dass seine Regierung eine Erhöhung des Notenumlaufs strikt ablehne und Frankreich die im Krieg gemachten Schulden zwar begleichen wolle, jedoch stets unter Wahrung der eigenen Unabhängigkeit.[2] Herriot warnte, hätte man das Finanzprogramm der früheren Regierung angenommen, wären erneut Auslandsanleihen notwendig gewesen, was der französische Patriotismus ablehne.[1] Auch eine eilige Ratifizierung des Abkommens von Washington hätte die politische Unabhängigkeit Frankreichs gefährdet.[1] Mit sichtlicher Erregung und von einer schlaflosen Nacht gezeichnet, rief Herriot den Abgeordneten zu: „Was ich getan habe, tat ich für mein Land. Nun, meine Herren, richten Sie mich.“[4]
Die Entscheidung fiel, als der Abgeordnete Cazals gemeinsam mit weiteren Parteifreunden eine Tagesordnung einbrachte, die das Vertrauen für eine energische Finanzpolitik der Regierung aussprechen sollte.[4] Der radikale Politiker Franklin-Bouillon nahm daraufhin das Wort und kündigte an, gegen die Regierung zu stimmen. Er warf Herriot vor, beim Sturz des vorherigen Kabinetts eine eklatante Verantwortungslosigkeit begangen zu haben.[1] Frankreich, so argumentierte er, könne nicht durch bloße Parteiregierungen gerettet werden.[4] Bei der anschließenden Abstimmung wurde die Vertrauensfrage mit 290 gegen 237 Stimmen abgelehnt.[1] Ein unbeschreiblicher Lärm brach aus: Auf der Linken ertönten Hochrufe auf Herriot, die Rechte antwortete mit Rufen wie „Es lebe Frankreich!“, während einige Kommunisten „Es leben die Sowjets!“ skandierten.[4]
Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses verließ der gestürzte Ministerpräsident, gefolgt von seinen Ministern, im Gänsemarsch den Saal.[4] Die Nachricht von der Niederlage löste vor dem Parlamentsgebäude, wo sich Tausende versammelt hatten, stürmische Demonstrationen aus.[1] Tragisch ist das Schicksal Edouard Herriots, der vor acht Tagen noch als gefeierter Führer einer großen Partei galt und nun von denselben Männern des Linkskartells gestürzt wurde, die ihn einst getragen hatten.[3] Das Madrider Blatt El Sol analysiert treffend, das eigentliche Opfer dieser nicht enden wollenden Krise sei ohnehin Aristide Briand, dessen nuancierte Politik an der harten Realität zerbrochen sei.[5]
Während Herriot zum Elysée-Palast fuhr, um dem Präsidenten der Republik offiziell die Demission zu überreichen, blieb in der Kammer nur ein einziger Minister auf seinem Platz: Finanzminister de Monzie.[4] In einer dramatischen Intervention erklärte er, dass sich im Schatzamt beinahe kein Centime mehr befinde.[1] Er forderte die Abgeordneten auf, sich umgehend zu einer Nachtsitzung zusammenzufinden, um die Bank von Frankreich zu ermächtigen, auf die Reste der Morgan-Anleihe zurückzugreifen.[1] Ohne den Verkauf dieser Devisen, so erklärte der Minister nüchtern, müssten die Schalter der Notenbank am folgenden Morgen geschlossen bleiben.[1] Um halb zwölf Uhr nachts trat die Kammer erneut zusammen.[1] Nach kurzen, scharfen Debatten, in denen kommunistische Abgeordnete vor einer schleichenden Inflation warnten, wurden die Artikel zur Freigabe des Morgan-Fonds angenommen.[4] Dem Hong Kong Telegraph zufolge berichtete de Monzie, dass der Kreditrahmen des Schatzamtes von sechzig auf einhundertachtzig Millionen erhöht worden sei, ohne dies im Einzelnen zu erläutern.[2] In den frühen Morgenstunden billigte schließlich auch der Senat das Gesetz. Zuvor hatte der Abgeordnete Chéron die Feindseligkeit in der Zweiten Kammer beruhigt und auf die unabdingbare Notwendigkeit hingewiesen, eine Einstellung der staatlichen Zahlungen zu verhindern.[6][4]
Die Krise wirkte sich unmittelbar auf die internationalen Devisenmärkte aus. In London hatte der Franc zuvor einen katastrophalen Tiefstand von 240 für Kassageschäfte erreicht.[1] Als jedoch die englischen Banken aus Paris die Nachricht vom bevorstehenden Sturz Herriots erhielten, setzten plötzlich starke Rückkäufe ein, und die Währung erholte sich rasch auf 221.[1] Finanzkreise in der City hatten Herriot keinerlei Vertrauen entgegengebracht und die Ablehnung des Expertenberichts durch das vorherige Parlament bereits als schweren Fehler gewertet.[1]
Der Ausweg aus diesem beispiellosen Wirrsal scheint nun in der Person eines Mannes zu liegen, dessen Rückkehr die politische Szene verändern könnte. Während Herriot in der Nacht noch seine Entlassung einreichte, hatte Präsident Doumergue bereits gehandelt.[3] Wenige Minuten nach Mitternacht hielt der Wagen von Raymond Poincaré vor dem Tor des Elysée.[3] Eine Unterredung von zwanzig Minuten genügte. Poincaré wurde mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt und nahm diese Mission an.[3] Präsident Doumergue war zu der Überzeugung gelangt, dass nun die Zeit für ein nationales Kabinett gekommen sei, das möglichst viele Parteien repräsentieren müsse.[6] Als der ehemalige Präsident und neue Ministerpräsident aus dem Gebäude trat, entgegnete er den wartenden Journalisten lediglich knapp: „Sie können schlafen gehen, meine Herren!“[3]
Poincarés Rückkehr war von der Presse vorbereitet worden. Unmittelbar nach dem Sturz Herriots hatten die Deputierten Astier und Maurice Petsche dem Präsidenten eine von 230 Abgeordneten unterzeichnete Petition überreicht, die unmissverständlich die Bildung einer Wohlfahrtsregierung forderte.[3] Die neuen Minister dürften nicht Vertreter jener Parteien sein, die in alten politischen Kämpfen verhaftet sind.[3] Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass Poincaré ein sehr kleines Kabinett aus höchstens sechs bis acht Ministern plant, ohne Unterstaatssekretäre.[3] Offenbar beabsichtigt er nicht, die Außenpolitik zu übernehmen, sondern sich auf die Finanzen zu konzentrieren, um zunächst die gewaltigen Steuerrückstände von beinahe acht Milliarden Francs einzutreiben.[3]
In Deutschland mag der Name Poincaré bittere Erinnerungen wecken. Dennoch wäre es eine ungeschickte politische Taktik, wenn die öffentliche Meinung hierzulande der neuen Pariser Regierung sofort mit Protesten begegnen würde.[3] Die Not Frankreichs ist groß. Wenn das französische Volk der Ansicht ist, dass allein Poincaré den Franc retten kann, so sollte man in Berlin ruhig abwarten, solange die deutschen Interessen nicht direkt gefährdet sind.[3] Die Außenpolitik wird der neue Ministerpräsident ohnehin kaum wesentlich beeinflussen können, denn ein erneuter Bruch des Friedens in Europa würde das französische Finanzwesen endgültig vernichten.[3] Für Frankreich beginnt nun eine neue und harte Epoche der inneren Sanierung.