Der „große Lothringer“, Raymond Poincaré, herrscht wieder über die politischen Geschicke Frankreichs.[1] Nach Tagen quälender Unsicherheit und dramatischen Verhandlungen in den Kulissen der Dritten Republik ist es dem ehemaligen Staatspräsidenten gelungen, ein Kabinett der breitesten nationalen Konzentration zu bilden.[1] Die bürgerlichen Parteien haben sich angesichts der katastrophalen Finanzlage und des drohenden Währungsverfalls zu einem Burgfrieden zusammengeschlossen; noch vor wenigen Wochen erschien ein solcher Schritt undenkbar.[2]

Die Ereignisse nahmen am späten Donnerstagabend ihren entscheidenden Verlauf. Staatspräsident Gaston Doumergue hatte ohne Aufschub beschlossen, seine Konsultationen zu beginnen.[3] Um 23 Uhr empfing er den Senatspräsidenten de Selves. Eine halbe Stunde später beriet er sich mit Léo Bouyssou, dem ersten Vizepräsidenten der Kammer.[3] Bouyssou erklärte beim Verlassen des Élysée-Palastes offen, die Kammer verlange neue Männer.[3] Er fügte hinzu, das Parlament werde hinsichtlich des Regierungsprogramms keine überzogenen Ansprüche stellen; das Schwierigste sei, eine Persönlichkeit zu finden, die sowohl Sinn für Details als auch für allgemeine und neue Ideen besitze.[3] Pünktlich um Mitternacht fuhr schließlich Poincaré im Automobil vor.[3] In einer fünfunddreißigminütigen Unterredung nahm er den Auftrag zur Regierungsbildung an und ging sogleich in den Senat, um mit seinen politischen Freunden erste Weichen zu stellen.[3]

Der Druck auf das Parlament, die parteipolitischen Grabenkämpfe ruhen zu lassen, war im Laufe des Tages massiv angewachsen. Die Pariser Handelskammer verabschiedete eine scharfe Entschließung.[2] Sie forderte die Abgeordneten angesichts der akuten Gefahr für das Wirtschaftsleben auf, bei der neuen Regierung unverzüglich die Verwirklichung eines Programms zum finanziellen Wiederaufbau zu verlangen. Trotz dieser Forderung solle das Vertrauen ebenso gefördert wie die innere Ruhe wiederhergestellt werden.[2] Zuvor hatten bereits die Abgeordneten Marcel Astier und Maurice Petsche dem Staatspräsidenten ein Manifest überreicht, das von 230 Parlamentariern aller Gruppierungen — mit Ausnahme der Sozialisten, Kommunisten und der konservativen Rechten — unterzeichnet worden war.[3] In diesem Manifest hieß es, die Schwere der Stunde verbiete jeden weiteren Aufschub, und der Zusammenbruch des Franken mache die Bildung einer Regierung des öffentlichen Heils zur Pflicht.[3] Die nationale Einheit solle bei einem solchen Kabinett im Mittelpunkt stehen, fernab überholter Parteiformeln.[3]

Unter diesem großen Erwartungsdruck schritt Poincaré am Freitagmorgen zur Tat. Ursprünglich wollte er ein kleines Ministerium mit höchstens acht Portefeuilles bilden, gab diesen Plan jedoch auf, um die politischen Wünsche der verschiedenen Lager zu berücksichtigen.[4] Das jetzt formierte Kabinett ist eine Versammlung politischer Schwergewichte. Wie der *Vorwärts* meldet, übernimmt Poincaré selbst den Vorsitz sowie das Ministerium für Finanzen und Wiederaufbau.[2] Nach Informationen der *Kölnischen Zeitung* hat der neue Regierungschef nachdrücklich erklärt, dass allein seine persönliche Leitung des Finanzressorts unter den gegenwärtigen Umständen neues Vertrauen schaffen könne.[5] Poincaré sagte, er könne auf diesem Posten nur dann nützliche Arbeit leisten, wenn er zugleich der Chef der Regierung sei.[5]

Neben Poincaré gehören weitere vier ehemalige Ministerpräsidenten dem Kabinett an. Dies verleiht der Regierung einen außergewöhnlichen Glanz.[4] Aristide Briand behält das Außenministerium, womit dem von den Radikalen geforderten Wunsch nach Kontinuität der Locarno-Politik Rechnung getragen wird.[6] Louis Barthou übernimmt das Justizministerium sowie die Vizepräsidentschaft des Kabinetts. Georges Leygues ist Marineminister, während Paul Painlevé das Kriegsministerium leitet.[1] Ursprünglich hatte Painlevé zugesagt, ein umfassendes Ministerium für Landesverteidigung zu übernehmen.[4] In den frühen Morgenstunden drohte er jedoch mit Rücktritt, da ihm eine Beteiligung der Radikalsozialisten missfiel.[4] Nach zähen Verhandlungen konnte Painlevé umgestimmt werden, musste sich aber mit dem Kriegsressort begnügen.[4]

Die Einbindung der Radikalsozialisten war das größte Hindernis für Poincaré. Am Morgen suchte der Abgeordnete Morinaud, Gründer einer neuen, aus 300 Mitgliedern bestehenden parlamentarischen Gruppe für die Einigkeit der Parteien, den Ministerpräsidenten auf.[7] Morinaud erklärte, ohne die Linke sei eine stabile Regierung nicht möglich.[7] Daraufhin konferierte Poincaré mit Cazals, dem Vorsitzenden der radikalen Kammerfraktion.[7] Um die Radikalen zur Mitarbeit zu bewegen, wies Poincarés Umgebung auf das 'Schreckgespenst Caillaux' hin.[4] Es wurde erläutert, dass eine Ablehnung Poincarés unweigerlich ein Kabinett Caillaux zur Folge hätte und damit möglicherweise zu einem offenen Bürgerkrieg führen könnte.[4]

Dieser starke Druck zeigte auch bei Édouard Herriot Wirkung. Noch zuvor hatte er Vertretern seiner Partei erklärt, die Kandidatur für die Kammerpräsidentschaft nicht anzunehmen, um seine Uneigennützigkeit während der Debatten unter Beweis zu stellen.[6] Die Kammer wählte daraufhin im zweiten Wahlgang Raoul Péret mit 227 Stimmen zum neuen Kammerpräsidenten, während der sozialistische Kandidat Bouisson 213 Stimmen erhielt.[6] Als Poincaré jedoch am Vormittag bei Herriot vorsprach und ihn zur Mitarbeit aufforderte, lehnte Herriot zunächst ab.[4] Einige Stunden später beugte er sich jedoch der Staatsräson und übernahm auf ausdrücklichen Wunsch Poincarés das Unterrichtsministerium.[2]

Das Kabinett wird ergänzt durch Albert Sarraut im Innenministerium, Bokanowski im Handelsressort, Léon Perrier für die Kolonien sowie André Tardieu, der das Ministerium für Öffentliche Arbeiten und Eisenbahnen übernimmt.[1][2] Das Ackerbauministerium übernimmt der radikale Abgeordnete Queuille.[2] Bemerkenswert ist auch die Ernennung von Louis Marin zum Pensionsminister.[2] Poincaré hatte zuvor Abordnungen von Kriegsteilnehmern und Kriegsversehrten empfangen und ihnen zugesagt, ihr Ministerium entgegen ersten Rationalisierungsplänen beizubehalten.[4] Die zunächst vorgesehene Zusammenlegung sämtlicher wirtschaftlicher Ressorts zu einem Wirtschaftsministerium wurde aufgegeben, da Marin als ausgesprochener Gegner des Achtstundentages für das Arbeitsministerium nicht akzeptabel war.[4]

Um 13:45 Uhr begab sich Poincaré erneut in den Élysée-Palast und legte Präsident Doumergue die fertige Ministerliste vor.[1] Beim Verlassen des Palastes erklärte Poincaré vor den Journalisten, man habe ein Kabinett der breiten nationalen Einigung geschaffen, in dem alle Parteien vertreten seien.[1] Er habe seine Aufgabe mit größtmöglicher Großzügigkeit behandelt und versucht, die besonderen Wünsche einzelner Gruppierungen zurückzustellen.[1] „Wenn wir uns bei allen Anregungen aufgehalten hätten, die man uns gegeben hat, so hätten sich die Arbeiten zur Bildung der Regierung ewig hingezogen“, betonte der Ministerpräsident.[1] Das Kabinett stellt sich am Dienstag der Kammer vor.[1]

In den europäischen Hauptstädten richtet sich das Augenmerk nun hauptsächlich auf die weitere französische Außenpolitik. Nach Angaben der *Sächsischen Staatszeitung* hatten Abgeordnete der Mitte und der Rechten, trotz Sympathie für Poincaré, die Forderung erhoben, die Außenpolitik müsse zwingend die von Herriot und Briand eingeschlagene Richtung beibehalten.[6] Da Briand sein Amt behält, ist ein schneller Kurswechsel nicht zu erwarten. Nach Einschätzung des *Westfälischen Merkur* ist Poincaré durch seinen Ruf an die etablierte Politik gebunden.[1] Es erscheint aber möglich, dass sich auf dem Weg der deutsch-französischen Annäherung größere Hindernisse ergeben und der bisher verständnisvolle Ton einer raueren, für Poincaré charakteristischen Gangart weichen muss.[1] Weiterhin heißt es in Pariser Parlamentskreisen, Briand habe nach außen Poincarés Erfolg zwar mit Begeisterung kommentiert, arbeite jedoch im Verborgenen gegen diese Regierungskombination, um vielleicht bald sein elftes eigenes Kabinett bilden zu können.[4]

Die französische Linkspresse beurteilt die neue Regierung weiterhin mit Skepsis, während die große Tagespresse überwiegend positiv reagiert. Nach Berichten des *Quotidien* wird Poincaré in der Kammer keine erheblichen Widerstände begegnen, solange es um die Ablehnung unerwünschter Sachverständigenberichte oder Washingtoner Verträge geht; Schwierigkeiten entstünden jedoch, wenn er seine eigenen Pläne zur Sanierung verteidigen müsse.[1] Die Zeitung *Volonté* hält es sogar für möglich, dass das Konstrukt der nationalen Konzentration besonders im Senat auf große Zurückhaltung stößt.[1]