Nachdem Feliks Dscherschinski unerwartet verstorben ist, hat die Sowjetunion am gestrigen Donnerstag von dem gefürchteten Gründer der außerordentlichen Kommission, der Tscheka, Abschied genommen. Der Vorsitzende des Obersten Volkswirtschaftsrates erlag am Nachmittag des 20. Juli auf seinem Posten einem Herzschlag.[1] Nach Angaben der Pariser Zeitung Le Temps ergab die anschließende Obduktion des Leichnams, dass der Verstorbene an einer allgemeinen Arteriosklerose litt.[2]
Der Leichnam Dscherschinskis war zunächst im Haus der Gewerkschaften aufgebahrt worden.[1][2] Dort hielten Mitglieder der Sowjetregierung sowie Vertreter zahlreicher Arbeiterorganisationen die offizielle Ehrenwache.[2] Dem Zentralorgan Prawda zufolge riss der Strom der Trauernden auch in den späten Abendstunden nicht ab. Unablässig zogen die Menschenmassen an dem Toten vorbei.[1] In der gesamten Stadt ruhte aus diesem Anlass die Arbeit.[2]
Die militärische Führung ehrte den Verstorbenen mit besonderen Auszeichnungen. Der Befehlshaber des Moskauer Militärbezirks erließ einen Sonderbefehl an die Garnison und ordnete an, die Fahnen vor dem Sarg zu neigen.[1] Eine spezielle Ehreneskorte aus Einheiten der nach Dscherschinski benannten Staatspolizeischule, der Höheren Grenzschutzschule sowie ausgewählten Kavallerieverbänden flankierte die Zeremonie.[1]
Am späten Nachmittag setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Um 17:30 Uhr wurde der Sarg aus dem Kleinen Saal des Hauses der Gewerkschaften getragen.[1] Der Weg führte die Delegation über den Swerdlowplatz und den Platz der Revolution in Richtung des historischen Zentrums.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, befand sich der Leichnam in einem leuchtend roten Sarg. Dieser wurde an der Kremlmauer in der Nähe des Grabes von Wladimir Iljitsch Lenin (Wladimir Iljitsch Lenin) aufgestellt.[3] Auch der Figaro bestätigt, dass die feierliche Beisetzung in unmittelbarer Nähe des Lenin-Mausoleums stattfand.[4]
Die sowjetische Presse veröffentlicht zahlreiche Nachrufe, die das Bild eines aufopferungsvollen Revolutionärs zeichnen. Die Prawda zitiert zahlreiche Resolutionen aus allen Teilen des Landes und nennt den Verstorbenen den „bedrohlichen Schild der Revolution".[1] Die Anteilnahme erstreckt sich über das gesamte Sowjetreich: Aus Aserbaidschan trafen Beileidsbekundungen der Parteikomitees ein. In Charkow hielten das ukrainische Zentralexekutivkomitee sowie der Rat der Volkskommissare eine Dringlichkeitssitzung ab.[1] In Leningrad wurden in zahlreichen Fabriken Gedenkminuten abgehalten. Die Arbeiterschaft des Großwerkes „Roter Putilow" entsandte eine Delegation nach Moskau, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.[1]
Auch das diplomatische Korps nahm an den Trauerfeierlichkeiten teil. Die ausländischen Gesandten sprachen der Sowjetregierung offiziell ihr Beileid aus.[2] Zahlreiche ausländische Konsuln, darunter Vertreter des Deutschen Reiches, Italiens und Finnlands, erschienen überdies in den Leningrader Dienststellen des Außenkommissariats, um ihre Anteilnahme zu bekunden.[1]
Während das offizielle Russland trauert, beginnt hinter den Kulissen bereits die Suche nach einem Nachfolger für das von Dscherschinski bekleidete Machtamt. Er bekleidete zuletzt nicht nur die Spitze der Geheimpolizei, sondern war auch Leiter des Obersten Volkswirtschaftsrates. Der Temps berichtet hierzu, dass Josef Unschlicht als aussichtsreicher Kandidat für die Führung der Staatspolizei genannt wird.[2] Für den Vorsitz des Obersten Volkswirtschaftsrates nennt das französische Blatt hingegen Leo Trotzki (Lew Trotzki) als möglichen Nachfolger.[2] Die endgültige Entscheidung der kommunistischen Parteiführung steht jedoch noch aus.