Der Bundesvorstand der republikanischen Schutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sieht sich aktuell gezwungen, in die schweren parteiinternen Auseinandersetzungen der sächsischen Sozialdemokratie korrigierend einzugreifen.[1] Wie das Berliner Tageblatt meldet, haben in den vergangenen Tagen mehrere sächsische Ortsgruppen radikale Anträge verabschiedet, die auf einen sofortigen Ausschluss des sächsischen Ministerpräsidenten Heldt sowie des Innenministers Müller aus dem Reichsbanner abzielen.[1] Diese Zuspitzung droht, die wehrhafte Formation der Republik ernsthaft zu zersetzen.[1]

Angesichts dieser beunruhigenden Vorgänge hat der Bundesvorsitzende Hörsing eine dringende Mahnung an die sächsischen Kameraden gerichtet, den zermürbenden sozialdemokratischen Parteistreit unter keinen Umständen in das Reichsbanner hineinzutragen.[1] Von einer Ausschließung der sächsischen Rechtssozialisten könne laut Hörsing überhaupt keine Rede sein, da diese Männer auf dem Boden der Republik im Sinne der Weimarer Verfassung stünden.[1] Der Bundesvorstand verknüpft dies mit der klaren Erwartung, dass der gegenwärtige, unhaltbare Zustand in der sächsischen Arbeiterbewegung rasch durch eine konstruktive Einigung beendet werde.[1]

Die sächsischen Linkssozialisten verhalten sich diesen Mahnungen gegenüber ablehnend.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge erklären sie nachdrücklich, der Bundesvorstand habe in die eigentümlichen sächsischen Verhältnisse nicht hineinzureden.[1] Bemerkenswert ist ein plötzlicher taktischer Schwenk der radikalen Kräfte: Nachdem die linke Fraktion die Notwendigkeit des Reichsbanners zuvor vehement bestritten hatte, solange dieses keinen „rein sozialistischen Sturmtrupp“ bilde, treten nun ihre Anhänger in großen Scharen in die Organisation ein.[1] Sie stellen in allen Gruppen umgehend Anträge auf Neuwahl der Vorstände, um das Reichsbanner in ihre Hand zu bekommen und es umzugestalten.[1] Innerhalb der lokalen Gliederungen hat eine scharfe Hetze gegen die alten Vorstände begonnen, sofern diese den Rechtssozialisten zugerechnet werden und teilweise zu den Gründungsmitgliedern gehören.[1] Die linksradikalen Blätter veröffentlichen bereits Aufrufe zu geheimen Sonderzusammenkünften, von denen die amtierenden Gruppenvorstände bewusst nicht unterrichtet werden.[1] Die Sorge um den Fortbestand der Republik liegt den Agitatoren dabei fern.[1]

Dieser erbitterte Kampf um die Vorherrschaft vollzieht sich vor dem unmittelbaren Hintergrund der anstehenden politischen Wahlen im Freistaat.[2] Die sächsischen Landtagswahlen sind endgültig auf den 24. Oktober anberaumt worden, während die Gemeindewahlen erst am 14. November stattfinden sollen.[2] Der alte Landtag tritt am 20. September noch einmal zu einer kurzen Tagung zusammen, vornehmlich, um einige umstrittene Bestimmungen der Wahlordnung neu zu regeln.[2] Nach Angaben des Hamburger Echos wird die Aufspaltung dieser innerlich zusammengehörenden Urnengänge als raffinierter Schachzug der sogenannten Dreiundzwanzig gewertet, der regierungstreuen Fraktion.[2] Es handle sich um eine eigentümliche Politik der Regierung Sachsens, von der die Sozialdemokratie wohl noch weitere taktische Überraschungen zu erwarten habe.[2]