Die Regelung der interalliierten Kriegsschulden wächst sich zu einer schweren Belastungsprobe für die diplomatischen Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten aus. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Auslegung der gewaltigen finanziellen Verpflichtungen, die während des Weltkrieges eingegangen wurden. Wie der Pariser Temps in seiner neuesten Ausgabe berichtet, hat die britische Regierung nun mit einem ausführlichen Memorandum auf ein unlängst in Washington veröffentlichtes offizielles Dokument geantwortet.[1] Die amerikanische Darstellung zielt darauf ab, der britischen Kriegsschuld gegenüber den Vereinigten Staaten vornehmlich einen kommerziellen Charakter beizumessen.[1]

Dieser Umdeutung der historischen Ereignisse tritt London nun entschieden entgegen. Der britische Schatzkanzler Winston Churchill unterzieht die in dem amerikanischen Memorandum genannten Zahlen einer detaillierten Analyse.[1] Er versucht dabei, präzise darzulegen, dass sich die von Washington angeführten Beträge fast ausschließlich auf Aufwendungen beziehen, die unmittelbar für die Fortführung des Krieges getätigt wurden.[1] Die britische Regierung verzichtet in ihrer Note auf weitreichende moralische Vorhaltungen und erkennt grundsätzlich an, dass ein Gläubiger das Recht hat, zwischen seinen verschiedenen Schuldnern zu unterscheiden.[1] Ebenso wird nicht in Abrede gestellt, dass der Schuldner den Forderungen bis zur Tilgung der Gesamtsumme nachkommen muss.[1] Großbritannien verwahrt sich jedoch dagegen, dass eine unterschiedliche Behandlung der europäischen Alliierten mit Begründungen gerechtfertigt wird, die auf sachlich unzutreffenden Tatsachenberichten beruhen.[1] In einem solchen Fall, so argumentiert London, sei eine Richtigstellung der Fakten unerlässlich.[1]

Die Bedeutung dieses britisch-amerikanischen Notenwechsels wird durch die Anwesenheit des amerikanischen Finanzministers in Europa noch hervorgehoben. Andrew W. Mellon ist von New York kommend auf dem Kontinent eingetroffen und wird voraussichtlich nicht zögern, auf das Memorandum Churchills zu antworten.[1] Zunächst allerdings widmet sich der amerikanische Finanzminister der französischen Hauptstadt, wo er am heutigen Tage zu wichtigen Beratungen erwartet wird.[2]

In Paris trifft Mellon auf eine grundlegend veränderte politische Konstellation. Raymond Poincaré hat die Bildung eines neuen Kabinetts abgeschlossen, das als die stärkste Regierung seit dem Krieg gilt.[2] Neben dem Posten des Ministerpräsidenten hat Poincaré auch das äußerst schwierige Finanzressort übernommen.[2] Die Regierung stützt sich auf erfahrene Kräfte: Aristide Briand leitet das Außenministerium, Louis Barthou ist als Justizminister und Vizepräsident des Kabinetts tätig, während Paul Painlevé ebenfalls ein Ministeramt innehat.[2]

Die dringendste Aufgabe dieser Regierung der nationalen Einheit ist die finanzielle Sanierung des Landes, die eng mit der Schuldenfrage verknüpft ist. Nach Angaben der Washington Post sucht Poincaré nachdrücklich das direkte Gespräch mit Minister Mellon.[2] Der französische Ministerpräsident äußert erhebliche Bedenken gegen eine Ratifizierung des vorliegenden Schuldenabkommens mit den Vereinigten Staaten.[2] Er fordert nachdrücklich eine Schutzklausel, die Frankreich gegen eine Entwertung seiner Währung durch den Transfer der erheblichen Geldsummen nach Amerika absichert.[2]

Sollte der Währungstransfer aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich werden, befürwortet Poincaré eine andere Regelung.[2] Ihm schwebt vor, dass Frankreich in einem solchen Krisenfall berechtigt sein soll, die amerikanische Schuld durch Sachleistungen abzutragen; als Beispiel führt er ausdrücklich die Lieferung von Kali an.[2] Ohne ausreichende Garantien für den Währungsschutz lehnt der Ministerpräsident das Abkommen in seiner jetzigen Form ab.[2]

Dass dieses starre Beharren in Paris unvermeidlich ist, hebt das Hamburger Echo in einer eingehenden Betrachtung hervor. Die Stabilisierung des französischen Franken, so das Blatt, ist untrennbar mit der Tilgung der Schulden an England und Amerika verbunden.[3] Von der Beantwortung der Schuldenfrage führen die diplomatischen Verbindungen unmittelbar zum Dawesabkommen und dessen möglicher Revision, da die deutschen Reparationszahlungen die Grundlage der europäischen Schuldentilgung bilden.[3]

Die innenpolitische Lage in Frankreich bleibt trotz des herausragenden Kabinetts überaus unsicher. Das Hamburger Echo warnt, die Losung der nationalen Einheit nicht überzubewerten.[3] Die Beziehungen zu Deutschland und die großen finanziellen Verpflichtungen enthalten das Potenzial für ernsthafte Konflikte, die für die neue Regierung rasch gefährlich werden können.[3] Es wäre nicht das erste Mal, dass eine französische Regierung mit einer großen Mehrheit antritt und nach kurzer Zeit an den widerstreitenden Interessen der verschiedenen Gruppen scheitert.[3]