Im Reichsarbeitsministerium fanden am Wochenende tiefgehende Konferenzen statt, die das Programm der Reichsregierung zur Bekämpfung der grassierenden Arbeitslosigkeit zum Gegenstand hatten.[1][2] Diese Zusammenkünfte bildeten den vorläufigen Abschluss einer Reihe von Konsultationen. So war die brisante Frage der Arbeitsbeschaffung bereits in den Tagen zuvor im Verwaltungsrat der Reichsarbeitsverwaltung aufgeworfen und intensiv mit den Spitzenorganisationen der kommunalen Verbände debattiert worden.[1][3] Den nach Berlin angereisten Vertretern der Landesregierungen wurden im Einzelnen die jüngsten Beschlüsse des Kabinetts sowie der aktuelle Stand der verschiedenen behördlichen Gegenmaßnahmen unterbreitet.[2] Die Länder erklärten im Anschluss nachdrücklich ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem vorgelegten Arbeitsbeschaffungsprogramm.[2][3]
Die drängendste Frage der Beratungen kreiste naturgemäß um die finanzielle Umsetzung, insbesondere um die Verwaltung eines Sonderpostens von 100 Millionen Reichsmark.[2][3] Dieser Betrag wurde vom Reichsfinanzminister infolge der parlamentarischen Beschlüsse des Reichstages zur Verfügung gestellt und dient der dringend gebotenen Verstärkung der bisherigen Reichsmittel für die sogenannte produktive Erwerbslosenfürsorge.[1][3] Die Aufbringung dieser beträchtlichen Summe soll auf dem Anleihewege erfolgen; daher fordern die Ministerien unverrückbar, dass eine zweckgebundene Verwendung für rein produktive Anlagen strikt sichergestellt bleibt.[1][2] Die avisierten Arbeiten, die aus diesem Sondertopf gespeist werden, sind vornehmlich für jene Bezirke reserviert, die am stärksten von massiver Erwerbslosigkeit betroffen sind.[2][3]
Um eine sinnvolle Auswahl geeigneter Notstandsarbeiten zu gewährleisten, übernimmt die von der Regierung neu eingesetzte Ministerialkommission für Arbeitsbeschaffung die Leitung.[1][3] Die Länder sind an ihrem Wirken beteiligt, indem jedes Land bei den Beschlüssen, die es unmittelbar betreffen, ein Mitspracherecht erhält. Außerdem wird die Kommission durch zwei ständige Vertreter der Länder ergänzt, sodass der Kontakt zur Verwaltungsebene der Provinzen gewahrt bleibt.[1][3] Für die Hergabe der Darlehen, welche das Reich und die Länder für solche Vorhaben gewähren, sind nach amtlichen Angaben erhebliche Erleichterungen vorgesehen.[1][3] Ferner soll es künftig möglich sein, öffentlichen Körperschaften eine Zinsverbilligung aus den Mitteln der Erwerbslosenfürsorge zu gewähren, sofern diese für umfangreiche Arbeiten von besonderem volkswirtschaftlichen Rang selbstständig Anleihen aufnehmen.[1][3]
Jedoch regt sich auch dezidierte Kritik an den rein fiskalischen Rettungsversuchen der Administration. Das Hamburger Echo merkt kritisch an, das gesamte Programm zur Entspannung der Lage auf dem Arbeitsmarkt drohe zu einem offenkundigen „Volksbetrug“ zu verkommen, wenn nicht parallel ein zügiger Abbau der erdrückenden Zollmauern ins Werk gesetzt werde.[1]
Diese Mahnung verweist auf ein tiefgreifendes Dilemma, das weit über die Reichsgrenzen hinausreicht. Den großen Bogen spannt der bekannte Wirtschaftskapitän Friedrich Minoux in einem umfassenden Beitrag für das Berliner Tageblatt. Darin beleuchtet er die tieferen Ursachen der Krise schonungslos.[3] Nach Auffassung von Minoux ergibt sich bei der Betrachtung der gegenwärtigen Misere eine wesentliche Erkenntnis: Die hartnäckige Arbeitslosigkeit, die den deutschen Sommer überschattet, ist kein rein nationales Phänomen.[3] Sie zeigt sich vielmehr als das zentrale Krankheitszeichen der gesamten europäischen Wirtschaft, ja der Zivilisation und Kultur überhaupt.[3] Die Wirtschaft sei im Kern ungesund, weil Europa auf politischem wie auf kulturellem Gebiet in ein Zeitalter des Hasses und des organisierten Neides von Volk zu Volk, von Klasse zu Klasse und von Mensch zu Mensch zurückgefallen sei.[3] Der „Kampf aller gegen alle“ bilde die unheilvolle Parole dieses traurigen Zeitalters, anstatt dass die Nationen kooperierten, um die von der Natur ohnehin gesetzten Hindernisse gemeinsam zu überwinden.[3]
Anhand frappierender Zahlen belegt Minoux die ökonomische Zersplitterung. War die kleine Halbinsel Europa schon vor dem Weltkriege zerrissen genug, so drängen sich dort heute 35 Staaten anstelle von vormals 26.[3] Man zählt nunmehr 27 verschiedene Währungen statt 13 und sage und schreibe 38 Zollgebiete im Vergleich zu ehemals 26.[3] Schon eine einfache Bahnreise in den Orient biete exemplarischen Anschauungsunterricht über den Unfug, den sich der Kontinent gegenwärtig auf dem Gebiet des restriktiven Passwesens und der ständigen gegenseitigen Zollschikane leiste.[3]
Das Versailler Friedensdiktat, so konstatiert das Blatt weiter, habe sich für die sogenannten Siegerstaaten als ebenso ruinös erwiesen wie für die ehemaligen Mittelmächte.[3] Die Verträge hätten eine vollständige Balkanisierung des Kontinents bewirkt.[3] Diese europäische Kleinstaaterei und Schlagbaumwirtschaft wirkt in einer Epoche, in der ozeanüberfliegende Zeppeline und der Rundfunk physische Grenzen spielend überwinden, auf jeden sachlich Urteilenden fast grotesk.[3] Erschwerend kommt für die darbende Industrie hinzu, dass dieses wirtschaftlich ohnehin relativ kleine europäische Gebiet seit Jahren hinnehmen muss, wie sich Russland — als das flächengrößte und an Bodenschätzen reichste Territorium — aus eigenem Antrieb vom wirtschaftlichen Weltverkehr faktisch ausgeschlossen hat.[3] Die lokalen Notstandsarbeiten der Reichsregierung können demnach zwar die dringendste Not der Erwerbslosen lindern, eine dauerhafte Gesundung des Arbeitsmarktes bleibt jedoch untrennbar an die Überwindung dieser grenzüberschreitenden Schranken geknüpft.