Der polnischen Polizei ist es gelungen, ein Riesenspionagenest aufzudecken, das sich über weite Teile des Landes erstreckt.[1] Wie die Badische Presse berichtet, wurden in Krakau, Stanislau, Przemysl und Posen bereits über einhundert Verhaftungen vorgenommen.[1] Der Evening Star aus Washington spricht in seinen neuesten Meldungen sogar von dreihundert Festgenommenen und schätzt, dass mehr als tausend Soldaten, Studenten und Zivilbeamte der Geheimorganisation angehörten.[2] Die meisten der Inhaftierten sind ukrainische Offiziere und Militärbeamte, die eine weitreichende ruthenische Untergrundbewegung in Galizien gebildet haben sollen.[1][2] In Warschau gefundene Beweise deuten darauf hin, dass die konspirative Tätigkeit zuletzt auch auf Posen übergegriffen hat.[3]
Als Leiter der Spionagezentrale gilt ein Mann namens Samowczak.[3] Dem Vorwärts zufolge floh dieser nach der Ermordung eines Direktors namens Matthias in Przemysl nach Berlin, wo er sich derzeit versteckt halten soll.[3] Das Hauptzentrum der Affäre befand sich in Krakau.[1] Bemerkenswert ist die Verstrickung bürgerlicher Kreise und der Justiz: Unter den in Krakau Verhafteten befindet sich die Tochter eines Untersuchungsrichters, die als Buchhalterin in einer Beamtenbuchhandlung tätig war.[1] Dort wurden die gestohlenen militärischen Dokumente bis zur geheimen Versendung ins Ausland verborgen.[3] Ihr Vater wurde ebenso vorläufig vom Dienst suspendiert wie ein Strafrichter in Przemysl; dessen Ehefrau wurde als Mitschuldige inhaftiert.[1] Die finanzielle Abwicklung und die Auszahlung der Spione wurden von der Frau eines Professors am ruthenischen Gymnasium in Drohobycz geleitet.[3]
Die Tragweite der Verschwörung geht offenbar weit über die Beschaffung von Informationen hinaus. Nach Berichten des Evening Star verfügte die Organisation über moderne technische Apparate, darunter Telegrafie und Funktechnik.[2] Es wird berichtet, dass ein allgemeiner Aufstand der Ruthenen gegen den polnischen Staat vorbereitet wurde, der durch ein entsprechendes Signal ausgelöst werden sollte.[2] Die Untergrundbewegung unterhielt Abteilungen in verschiedenen militärischen Zentren — bis hinein nach Warschau —, um im Ernstfall jeglichen Widerstand des Militärs zu lähmen.[2] Galizische Behörden erklären, die Geheimorganisation sei von Berlin aus gesteuert worden, wobei Agenten mit Verbindungen zum deutschen Generalstab als Komplizen auftraten.[2] Kritische Beobachter betonen eine machtpolitische Dimension: Es besteht der Verdacht, dass Marschall Pilsudski die weitreichende Konspiration als Vorwand nutzt, um das galizische Militär, das seinen Befehlen nicht bedingungslos folgte, von unerwünschten Elementen zu säubern.[2]