Das politische Gefüge der Sowjetunion bebt unter den Erschütterungen eines fundamentalen Machtkampfes, dessen jüngstes Kapitel am vergangenen Wochenende geschrieben wurde. Wie die Kölnische Zeitung in einer ausführlichen Meldung berichtet, beschäftigte sich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei in seiner großen Vollsitzung am Freitag eingehend mit brennenden Fragen des staatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus. Es widmete sich vor allem der tiefgreifenden Problematik des innerparteilichen Lebens.[1] Nach der Anhörung eines detaillierten und schwerwiegenden Referats der Zentralkontrollkommission fällte das höchste Gremium weitreichende Beschlüsse, die auf eine unnachgiebige Abrechnung mit der parteiinternen Opposition hindeuten.[1] Wegen fortgesetzter Übertritte gegen die Beschlüsse früherer Parteikongresse, welche die unbedingte Wahrung der Parteieinheit verlangten, wurde beschlossen, Sinowjew (Grigori Sinowjew) von seinem Posten als Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees abzuberufen.[1] Gleichzeitig wurde sein enger Gefolgsmann Laschewitsch (Michail Laschewitsch) aus der Zahl der Kandidaten des Zentralkomitees ausgeschlossen.[1]

Durch diese drastische Maßregelung verschieben sich die Gewichte an der Spitze der Räteunion maßgeblich. An die Stelle Sinowjews wurde Rudsutak (Jan Rudsutak) zum ordentlichen Mitglied des Politbüros gewählt.[1][2] Gegenwärtig — so entnimmt man einem Bericht des Vorwärts — besteht dieses mächtige Direktorium aus folgenden acht Persönlichkeiten: Stalin, Rykow, Bucharin, Tomski, Kalinin, Molotow, Rudsutak und Trotzki.[2] Darüber hinaus beschloss das Plenum, die Zahl der Kandidaten des Politbüros von bisher fünf auf nunmehr acht Posten zu erhöhen.[1][2] Die Wiener Neue Freie Presse liefert hierzu die vollständige Liste der neu bestätigten Kandidaten. In dieser Liste finden sich zahlreiche bekannte Namen der sowjetischen Nomenklatura: Petrowski, Uglanow, Ordschonikidse, Andrejew, Kirow, Mikojan, Kaganowitsch und Kamenew.[3] Nach Entgegennahme einer Mitteilung des Büros über die im Zusammenhang mit den jüngsten internationalen Ereignissen gefassten Entschlüsse billigte die Vollversammlung ausdrücklich die Tätigkeit des Politbüros und der sowjetischen Delegation im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale.[1][2] Zugleich beschloss die Versammlung, die nächste ordentliche Parteikonferenz für die erste Oktoberhälfte einzuberufen. Auf dieser sind ohne Zweifel weitere Klärungen zu erwarten.[1]

Die tiefere Begründung für den Sturz der einst so einflussreichen Führer findet sich in der Resolution über die Wahrung der Parteieinheit. Die vom Exekutivkomitee gefasste Entschließung, die in der Auslandpresse breiten Raum einnimmt, wirft ein bezeichnendes Licht auf die zersplitterten inneren Verhältnisse der russischen Kommunisten. In der Resolution wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die zur Zeit des vierzehnten Kongresses entstandene und bereits dort verurteilte Opposition beharrlich auf ihren festgestellten Irrtümern bestand.[1][2] Der Partei der Räteunion zufolge blieb den Abweichlern damals die Möglichkeit, sich weiterhin in sämtlichen maßgeblichen Institutionen zu betätigen. Dennoch verließen sie in ihrem Kampf den Boden der rechtmäßigen Verteidigung ihrer Ansichten im Rahmen des Parteistatuts.[1][2] Wie die Neue Freie Presse meldet, ging die Opposition zuletzt dazu über, eine illegale, fraktionelle Organisation zu schaffen. Diese stand im direkten Gegensatz zur Partei und trat aktiv gegen deren Einheit auf.[3]

Die Methoden, derer sich die Sinowjew-Gruppe angeblich bediente, lesen sich wie ein Katalog konspirativer Umtriebe. Der Versuch zur Spaltung äußerte sich nach offizieller Lesart in der Abhaltung ungesetzlicher Versammlungen, im heimlichen Druck und Versand von tendenziös gesammelten Geheimdokumenten der Partei sowie in der gezielten Entsendung von Agenten in andere Parteiorganisationen, um dort neue illegale Gruppen ins Leben zu rufen.[1][2] Ein besonderes Augenmerk richtet die Resolution auf eine nahezu abenteuerlich anmutende Episode: In einem Walde bei Moskau soll eine konspirative Verschwörerversammlung stattgefunden haben.[3] Diese geheime Zusammenkunft, so berichtet die Kölnische Zeitung unter Berufung auf das amtliche Dokument, wurde von einem Mitarbeiter des Zentralkomitees der Kommunistischen Internationale namens Belenki organisiert, der zudem als Vorsitzender fungierte.[1] In ebendieser Geheimsitzung im Walde trat der Kandidat des Zentralkomitees, Laschewitsch, auf. Er forderte die Anwesenden unumwunden dazu auf, sich zum organisierten Kampf gegen die Partei und das von ihr gewählte Zentralkomitee zusammenzuschließen.[1]

Diese desorganisatorischen Handlungen bezeugen laut der Neuen Freien Presse, dass die Opposition entschlossen war, von der bloßen Verteidigung ihrer Theorien zur Etablierung einer Gegenorganisation überzugehen.[3] Hinzu kommt, dass sich die fraktionelle Tätigkeit keineswegs auf die Räteunion beschränkte. Vielmehr wurde festgestellt, dass die Fäden dieses Vorgehens direkt in den Apparat des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale laufen, an dessen Spitze ebenjener Sinowjew steht.[1][2] Es wurden Versuche unternommen, jenen Apparat in den internen Machtkampf hineinzuziehen. Ziel war es, mit seiner Hilfe die verurteilten Ansichten bei den ausländischen kommunistischen Parteien zu verbreiten und den Boden für eine Aufreizung gegen die Moskauer Mutterpartei zu bereiten.[1][3]

Aufgrund dieser schwerwiegenden Anklagen macht die Partei Sinowjew für die zersplitternde Tätigkeit voll verantwortlich, was seinen sofortigen Ausschluss aus dem Politbüro besiegelte.[1][3] Laschewitsch wurde nicht nur aus dem Zentralkomitee entfernt und seines Amtes als stellvertretender Vorsitzender des Kriegsrevolutionären Rates enthoben, sondern erhielt auch einen strengen Verweis unter Androhung des endgültigen Ausschlusses aus der Partei, falls er seine Tätigkeit fortsetzen sollte.[1][3] Wie stark die Nervosität in Moskau infolge dieser Kämpfe angewachsen ist, zeigt sich zudem an Gerüchten, die in der Hauptstadt kursieren. So meldet die Neue Freie Presse, dass jüngste Meldungen über eine angebliche Vergiftung Dserschinskis (Felix Dserschinski) und über dessen liederlichen Lebenswandel von maßgebender Seite scharf als verleumderische Erfindungen dementiert werden mussten.[3]

Die Beurteilung dieser Vorgänge im bürgerlichen Lager fällt pragmatisch aus. Die Neue Freie Presse widmet den Ereignissen einen ausführlichen Kommentar und merkt an, dass die weiteren Einzelheiten abgewartet werden müssten, um die volle Bedeutung der Vorgänge klar zu erfassen.[3] Die Welt, so folgert das Wiener Blatt, habe ein unbestreitbares Interesse daran, dass in Russland nicht jener radikale Kommunismus wieder zur Herrschaft gelange.[3] Jener Extremismus versuche lediglich, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, und erkenne nicht, dass die gänzlich veränderten Umstände zwingend eine neue Taktik erforderlich machten.[3] Zwistigkeiten innerhalb der bolschewistischen Führungsriege seien in der Vergangenheit schon oft gütlich ausgetragen worden.[3] Man müsse daher abwarten, ob nicht auch der gegenwärtige Streit erneut beigelegt werden könne. Eine Rückkehr zur rein revolutionären Politik jedoch würde für das Land unweigerlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch und den Ruin bedeuten.[3]