Die interalliierte Schuldenfrage hat sich zu einer offenen diplomatischen Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und ihren ehemaligen europäischen Verbündeten ausgewachsen. Die unaufhörlichen europäischen Vorwürfe, Amerika gebärde sich in der unerbittlichen Rückforderung seiner Kriegskredite gleichsam als Shylock, haben in der amerikanischen Öffentlichkeit empörten Widerspruch hervorgerufen.[1] Nunmehr ist Senator William Edgar Borah, der einflussreiche Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, auf den Plan getreten. Er muss in diesen verworrenen außenpolitischen Angelegenheiten als der berufene Sprecher Amerikas neben dem eigentlichen Kabinett angesehen werden.[1]
Nach einer Meldung aus Washington richtete Borah eine ungewöhnlich scharfe Erklärung an die europäischen Kritiker der amerikanischen Außenpolitik.[2] Er bediente sich dabei einer unmissverständlichen Sprache und erinnerte daran, dass diejenigen, die selbst in Glashäusern säßen, keine Steine werfen sollten.[2][3] Entsprechend der allgemeinen Stimmung in Übersee, die Frankreich wegen seiner aktuellen Finanzschwierigkeiten eine gewisse Erregung zugesteht, richtet sich die amerikanische Entrüstung hauptsächlich gegen England und hier insbesondere auf den britischen Schatzkanzler Winston Churchill.[1]
Churchills jüngster Schmähfeldzug, der nach amerikanischer Lesart offenbar auf eine Schuldenregulierung oder sogar eine vollständige Annullierung abzielt, dürfe nicht in Vergessenheit geraten lassen, welche enormen Landgewinne England seinerzeit am Friedenstisch erlangt habe.[2] Borah stellte mit unerbittlichem Nachdruck fest, dass bei Kriegsende insgesamt über vier Millionen Quadratmeilen Land zur Verteilung gekommen seien.[2] Von dieser gewaltigen Beute habe sich Großbritannien stolze drei Millionen und Frankreich mehr als 800.000 Quadratmeilen gesichert.[2][3] Amerika hingegen habe, getreu seinen eigenen politischen Idealen, nicht einen einzigen Fußbreit fremden Bodens für sich in Anspruch genommen.[2][3]
Borah überlässt es bewusst dem Washingtoner Schatzamt, die heikle technische Frage zu klären, welcher Art die englischen Schulden im Einzelnen waren.[1] Er selbst ging unmittelbar auf den politischen Kern der Angelegenheit ein und verurteilte Churchills jüngste Parlamentsreden mit scharfer Kritik.[1] Er bezeichnete das Vorgehen des britischen Schatzkanzlers als einen ‚Gallipolifeldzug‘, der ausschließlich das Ziel einer Schuldenstreichung verfolge.[2][1] Ferner verwies der Senator ironisch auf den Earl of Denbigh, der angeblich das amerikanische Volk in dieser Hinsicht politisch aufklären wolle.[2] Die Amerikaner, so Borahs scharfe Replik, bedürften jedoch keiner besonderen Erziehung, um zu erkennen, wie sich ein Schuldner zu verhalten habe, wenn er nicht gewillt sei zu zahlen.[2] Die massiven Angriffe auf die Vereinigten Staaten seien tatsächlich Teil einer spezifisch britischen Methode, die darauf abziele, eine Annullierung der Milliardenverbindlichkeiten durchzusetzen.[2]
In den politischen Kreisen Washingtons wird die umfassende Erklärung des Senators unterdessen mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen. Wie die Neue Freie Presse ausführt, gilt dieses Vorgehen als die erste offizielle amerikanische Reaktion auf die in weiten Teilen Europas betriebene systematische Agitation gegen die Vereinigten Staaten.[3] Man sieht darin zudem eine direkte und deutliche Antwort auf die neuesten Vorfälle in Paris, bei denen es wiederholt zu tätlichen Angriffen auf amerikanische Reisende gekommen ist, ebenso wie auf die heftigen Schmähungen, die von italienischen Blättern gegen die amerikanische Politik ausgesprochen werden.[3] Die scharfen Worte Borahs markieren also eine spürbare Verhärtung der amerikanischen Position — Washington ist augenscheinlich nicht länger bereit, die Polemik der europäischen Schuldnerstaaten stillschweigend hinzunehmen.