Der sich seit Langem abzeichnende Kulturkampf in Mexiko hat einen offenen Ausbruch gefunden. Als Gegenmaßnahme gegen die neue Kirchengesetzgebung der Regierung hat der gesamte mexikanische Episkopat die Einstellung des katholischen Gottesdienstes verfügt.[1] Nach Angaben der Washington Post werden ab dem 31. Juli sämtliche kirchlichen Handlungen, die das Amt eines Priesters erfordern, im ganzen Land ausgesetzt.[2]
Die historische Entscheidung wurde in einem Hirtenbrief verkündet, der an die katholische Bevölkerung Mexikos gerichtet ist.[2] Unterzeichnet wurde das Dokument vom Erzbischof von Mexiko, Mora y Del Rio, sowie von sieben weiteren Erzbischöfen und 29 Bischöfen.[2] Aus Berichten der Washington Times geht hervor, dass dieses Schreiben derzeit landesweit massenhaft verbreitet und in den katholischen Familien mit größter Aufmerksamkeit aufgenommen wird.[3] Die Verfasser rufen die Gläubigen auf zu fasten, zu beten und die Kirchen, die in den Händen der Laien verbleiben sollen, nicht aufzugeben.[2][3]
Die Maßnahme richtet sich gegen die jüngsten Verordnungen der Regierung, welche die religiöse Unterweisung in Schulen verbieten und die Auflösung geistlicher Orden vorschreiben.[3] Der Episkopat erklärt, es sei unmöglich, den heiligen Dienst unter den Bedingungen dieses Dekrets fortzusetzen.[3] Die Bischöfe betonen, dass ihr Protest keine Rebellion gegen den Staat darstelle.[3] Die neuen Gesetze seien jedoch eine beispiellose Verletzung göttlicher Rechte.[3] Dem Hamburger Echo zufolge wird den Priestern strikt befohlen, den Kirchen fernzubleiben.[1] Dennoch fordert die Kirchenführung die Katholiken auf, ausschließlich auf legalem und friedlichem Wege für eine Aufhebung der antireligiösen Gesetze einzutreten.[3]
Die Haltung der mexikanischen Kirchenführung ist mit dem Heiligen Stuhl in Rom abgestimmt.[2] Papst Pius XI. habe sich über die religiöse Verfolgung, die seit einiger Zeit entfesselt sei, tief bewegt gezeigt.[2] Bereits im Februar hatte der Papst in einem Schreiben die Gesetze verurteilt, die von kirchenfeindlichen Staatsmännern gegen die Katholiken in Mexiko erlassen worden waren.[2] Er knüpfte damit an seinen Vorgänger Benedikt XV. an, der derartige Maßnahmen ebenfalls verworfen hatte.[2] Wie die Washington Post weiter berichtet, erklärt der Episkopat, man habe seit dem Jahr 1917 ein umsichtiges Schweigen gewahrt. Angesichts der scharfen Regierungspolitik sei diese Zurückhaltung jedoch nun nicht länger aufrechtzuerhalten.[2]
Die Konsequenzen des Hirtenbriefes reichen tief in die politische Struktur des Landes. Die Kirchenführung verkündet schwere kirchliche Strafen für alle, die für die neuen Gesetze verantwortlich sind oder bei ihrer Durchsetzung helfen.[2] Namentlich wird den Urhebern von Dekreten, die sich gegen die Rechte und Freiheiten der Kirche richten, sowie den Personen, welche die Ausübung der religiösen Gerichtsbarkeit behindern oder kirchliches Eigentum an sich reißen, die Exkommunikation angedroht.[2] Beobachter in der Hauptstadt werten dies als direkte Warnung an Präsident Calles und seine Regierungsbeamten. Nach den kirchenrechtlichen Bestimmungen sind nun auch sie von der Exkommunikation bedroht.[2]
Die Krise greift zudem auf das Schulwesen über. Der Episkopat warnt die Eltern davor, ihre Kinder in Bildungseinrichtungen zu schicken, in denen ihr Glaube gefährdet sein könnte.[3] Laut dem Hong Kong Telegraph erwägen einige mexikanische Schulen bereits, ihre Einrichtungen zu schließen und jenseits der amerikanischen Grenze neu zu eröffnen.[4] Dort könnten die Kinder ohne staatliche Einmischung religiös unterrichtet werden.[4] Die katholische Geistlichkeit hat angekündigt, ihre Bestrebungen zur Änderung der Verfassung nicht ruhen zu lassen, bis die antireligiösen Verordnungen vollständig zurückgenommen sind.[2]