Auf Grundlage der jüngsten Noten des Generals Walch über die Entwaffnungslage finden in Berlin gegenwärtig neue Besprechungen zwischen der Interalliierten Militärkontrollkommission und dem deutschen Reichskommissar für die Entwaffnung, General von Pawelsz, statt.[1] Obwohl die Durchführung der deutschen Abrüstung in weiten Kreisen als gut vorangeschritten betrachtet wird, äußert die Kommission in bestimmten militärischen Fragen noch immer Unzufriedenheit.[1]
Wie die Nachrichtenagentur Havas aus London übermittelt, konzentrieren sich die Meinungsverschiedenheiten im Wesentlichen auf vier Kernpunkte.[1] Erstens steht die Effektivstärke der Polizei zur Debatte, die sich auf 150.000 Mann beläuft; die Reichsregierung wünscht hierbei eine höhere Zahl.[1][2] Zweitens bemängeln die Alliierten die Ein- und Ausfuhr von Kriegsmaterial sowie Munition.[1] Drittens fordern die Kontrollorgane weitere Bürgschaften bezüglich der Rekrutierung und der restlosen Aufhebung der Reserveregimenter.[1][2] Der vierte Punkt bezieht sich auf die personelle Zusammensetzung des Großen Generalstabs.[2]
Im Mittelpunkt der diplomatischen Kontroversen steht jedoch die Position des Chefs der Heeresleitung, des Generals von Seeckt, die nach Auffassung des Generals Walch einer weiteren Veränderung unterzogen werden soll.[1] Von deutscher Seite wird jedes weitere Zugeständnis nachdrücklich abgelehnt.[1] In Berliner Regierungskreisen betont man, dass die im Frühjahr getroffene Regelung die äußerste Grenze der Einschränkung für die Führung der Reichswehr darstelle.[1] Die Londoner Zeitung Daily Telegraph bemerkt hierzu, es sei überaus fraglich, ob diese Personalie nicht vielmehr einen eminent politischen Charakter trage, der weit über die Kompetenzen des Generals Walch hinausreiche.[1] In Großbritannien habe man kein Interesse an rein persönlichen Angelegenheiten, und Vorschriften über die Auswahl führender Persönlichkeiten entsprächen ohnehin nicht der britischen Auffassung.[1] Das Auswärtige Amt in London hat in Berlin zudem wissen lassen, die jüngsten kritischen Äußerungen des Außenministers Chamberlain seien keineswegs als Feststellung zu werten, dass Deutschland seinen Verpflichtungen bewusst nicht nachgekommen sei.[1]
Demgegenüber schlagen die offiziösen Zeitungen in Paris einen wesentlich schärferen Ton an. Die Badische Presse weist darauf hin, dass die dem Kabinett Poincaré nahestehenden Blätter die absolute Erfüllung aller Abrüstungsforderungen verlangen.[3] Nach Ansicht des Journal müsse der Fall des Generals von Seeckt sowie die offene Frage des Reichswehrbudgets zwingend vor dem deutschen Eintritt in den Völkerbund geregelt werden.[3] Selbst das Echo de Paris gibt zwar zu bedenken, dass Frankreich durch ein Beharren auf der Polizei-Frage materiell nichts gewinne. Dennoch gehe es den entschiedenen Kreisen in erster Linie darum, die Allmacht der Militärkontrollkommission nochmals zu beweisen.[3] Die französische Presse warnt bereits im Voraus davor, den Franzosen die Schuld zuzuweisen, falls im September eine neue diplomatische Krise um den Völkerbundbeitritt entstehen sollte.[3]
Die Detailkontrolle der Alliierten zieht ihre Kreise derweil bis in das zivile Leben. Der Westfälische Merkur berichtet, dass die Kontrollkommission bereits wegen des Kleinkaliberschießens der vaterländischen Verbände in Deutschland vorstellig geworden ist.[2] Von den Alliierten wird verlangt, dass die Reichsregierung und die Länder rasch Maßnahmen ergreifen, um diesem Unwesen ein Ende zu bereiten und weitere außenpolitische Komplikationen zu vermeiden.[2] Ungeachtet dieser Reibungspunkte besteht laut dem Wolffschen Telegrafenbüro die begründete Aussicht, dass die verbliebenen technischen Detailfragen in den kommenden Wochen ohne größere Schwierigkeiten bereinigt werden können.[2]