Die abessinische Regierung hat formelle Schritte gegen das jüngste Wirtschaftsübereinkommen zwischen Großbritannien und Italien unternommen und sich direkt an den Völkerbund gewandt. Dem Berliner Tageblatt zufolge richtet sich der scharfe Widerspruch der Regierung in Addis Abeba dagegen, dass der englisch-italienische Pakt ohne jegliche abessinische Beteiligung geschlossen wurde.[1] In Genf ging laut Berichten des Temps bereits am 24. Juli ein Schreiben ein. Darin bittet Abessinien die Völkerbundversammlung, den Notenwechsel zwischen London und Rom zu prüfen.[2] Diese diplomatische Demarche wird in Kreisen des Völkerbundes als besonders ernst bewertet. Die Pariser Presse hatte Abessinien schon vor Monaten wiederholt zu einem solchen Schritt aufgefordert.[1]

Die britische Regierung bemüht sich derweil, die entstehende Kritik zu entkräften. Wie das Harburger Tageblatt meldet, hat der Unterstaatssekretär im Außenministerium, Locker-Lampson, im Unterhaus auf eine kritische Anfrage des Abgeordneten Buxton geantwortet.[3] Buxton verlangte detailliert Auskunft darüber, welche britischen Vorteile den weitreichenden Zugeständnissen an Italien in Süd- und Westabessinien gegenüberstünden.[2] Locker-Lampson betonte daraufhin, Großbritannien strebe keinerlei territoriale Gewinne an und sorge sich ausschließlich um die Verbesserung der Wasserversorgung für den Sudan und Ägypten.[3]

Ein zentrales Element dieser britischen Afrikapolitik ist der geplante Staudamm am Tsanasee.[3] Der englisch-italienische Pakt habe lediglich das Ziel, die Unterstützung Roms bei den bevorstehenden Verhandlungen mit Abessinien zu erhalten.[3][2] In London setzt man darauf, dass sich die abessinische Führung von den Vorteilen des Dammbaues auch für die eigene Bevölkerung überzeugen lässt.[3] Dennoch ist der Protest in Genf ein deutliches Signal. London und Rom hatten zuvor ausdrücklich beteuert, die abessinische Souveränität gemäß dem Vertrag von 1906 vollumfänglich zu achten.[1] Abessinien beharrt jedoch auf dem Standpunkt, dass nur das Land selbst als unabhängiger Staat befugt sei, eine Genehmigung für den Bau des Tsanabeckens zu erteilen.[3]