Der Machtkampf innerhalb der russischen Kommunistischen Partei hat einen neuen, dramatischen Höhepunkt erreicht. Wie die Neue Freie Presse meldet, ist Grigori Sinowjew aus dem Politbüro der Partei ausgeschlossen worden.[1] Diesem Beschluss ging eine Versammlung der Moskauer Parteiorganisation voraus, an der etwa 3000 Vertreter teilnahmen.[1] Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Alexei Rykow, nutzte diese Plattform für einen scharfen Angriff auf die innerparteiliche Opposition.[1] In seiner Rede warf er Sinowjew vor, niemals ernsthaft versucht zu haben, seine fraktionelle Tätigkeit einzudämmen.[1]

Die Vorwürfe gegen den bisherigen Leningrader Parteiführer wiegen schwer. Vor den Delegierten führte Rykow detailliert aus, dass die von Sinowjew geleitete Fraktion dem früheren Kriegskommissar Leo Trotzki sowie weiteren sogenannten Revisionisten des Leninismus ideologische Unterstützung gewährt habe.[1] Wie Rykow betonte, verlangten diese Abweichler den sofortigen Austritt der russischen Delegation aus dem anglo-russischen Komitee.[1] Darüber hinaus forderte die Opposition eine grundlegende Revision der bisherigen Parteidoktrin hinsichtlich der Beziehungen zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft. Nach offizieller Darstellung hätten sich diese bereits in der Praxis bewährt.[1] Die Madrider Zeitung El Sol aus Moskau berichtet ergänzend, dass Sinowjew und seine Anhänger zudem auf eine tiefgreifende Umgestaltung der politischen Organisation der Sowjetunion hinarbeiteten.[2] Die Moskauer Versammlung reagierte auf diese Enthüllungen mit unmissverständlicher Härte: Sie billigte einstimmig sämtliche Beschlüsse des jüngsten Plenums. Zugleich forderte sie die Gesamtpartei nachdrücklich auf, die Bildung von Fraktionen sowie neue Debatten in Zukunft strengstens zu unterbinden.[2][1]

Auch Sinowjews einflussreiche Position an der Spitze der Dritten Internationale steht nunmehr auf dem Spiel. Nach Einschätzung des Berliner Tageblatts gilt es in Parteikreisen als allgemein unwahrscheinlich, dass der ins Abseits geratene Politiker den Vorsitz der Komintern künftig noch wird behaupten können.[3] Die formelle Entscheidung darüber obliegt jedoch nicht dem Politbüro, sondern dem Plenum des Kongresses jener Landesparteien, die der Komintern angeschlossen sind.[3] Die tieferen Gründe für den Sturz Sinowjews sind demnach nicht allein in den aktuellen doktrinären Differenzen zu suchen. Offensichtlich spielen auch die Verwicklungen um die sogenannte Laschewitsch-Affäre eine Rolle.[3] Inmitten dieser angespannten Atmosphäre hat sich der Komintern-Vorsitzende am Dienstag zunächst auf unbestimmte Zeit in den Urlaub begeben.[3]

Offizielle sowjetische Verlautbarungen sprechen lediglich von disziplinarischen und politischen Maßnahmen. Im Ausland kursieren indessen bereits deutlich dramatischere Gerüchte über das persönliche Schicksal des Oppositionsführers. So meldet die amerikanische Zeitung The Washington Times in ihrer neuesten Ausgabe, Sinowjew sei nicht nur seiner Parteiämter enthoben, sondern darüber hinaus in Moskau verhaftet worden.[4] Nach diesen Depeschen aus der amerikanischen Hauptstadt soll er dort bis auf Weiteres auf unbestimmte Zeit festgehalten werden.[4] Zwar lässt sich diese Maßnahme aus unabhängigen Quellen gegenwärtig nicht bestätigen, doch zeigt die Meldung die Unsicherheit und die angespannte Lage, die der offene Bruch innerhalb der sowjetischen Führungsriege international ausgelöst hat.