Die Vereinigten Staaten von Mexiko stehen vor einer innenpolitischen Zerreißprobe ersten Ranges. Am 1. August treten die umstrittenen Religionsgesetze der Regierung von Präsident Plutarco Elías Calles in Kraft, welche die Tätigkeit der katholischen Kirche massiv einschränken.[1] Die Spannungen im Lande haben ein gefährliches Ausmaß erreicht. Wie die Neue Freie Presse aus New York meldet, hat die mexikanische Regierung für ihre Truppen den Alarmzustand angeordnet, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.[2]
Die Konfrontation, die in der Auslandpresse oft als mexikanischer Kulturkampf bezeichnet wird, besitzt weitreichende historische Wurzeln. Dem Hamburger Echo zufolge erinnert der Konflikt jedoch nur bedingt an den deutschen Kulturkampf. Der mexikanische Staat sieht als vorrangiges Ziel die Durchsetzung seiner obersten Bestimmungsgewalt gegenüber einer historisch sehr einflussreichen Kirche.[1] Die Regierung bemüht sich seit 1857 um die Zurückdrängung der kirchlichen Vormachtstellung durch ein staatliches Schulsystem und stützt sich nunmehr auf die von dem früheren Präsidenten Carranza ausgearbeitete Verfassung.[1] Diese untersagt religiöse Orden, entzieht Priestern das Wahlrecht und schreibt vor, dass Geistliche ausschließlich mexikanischer Herkunft sein dürfen.[1] Präsident Calles verknüpft dieses antiklerikale Vorgehen zusätzlich mit einer Politik, die durch Bodenreformen und Kapitalbesteuerung den arbeitenden Schichten zugutekommen soll. Das ruft insbesondere amerikanische Ölinteressen auf den Plan, da diese durch die Gesetzgebung wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen.[1]
Die Antwort der Kirche und ihrer Anhänger auf die neuen Verordnungen ist beispiellos. Die Nationale Liga zur Verteidigung der Religionsfreiheit hat zu einem umfassenden wirtschaftlichen Boykott aufgerufen.[3] Katholiken sollen ihr Geld ausschließlich für die unbedingt notwendigen Lebensbedürfnisse ausgeben. Auf diese Weise soll ein wirtschaftlicher Niedergang herbeigeführt werden, der die Regierung zum Einlenken veranlassen möge.[3] Dieser Boykott zeigt bereits gravierende Auswirkungen: Nach Berichten der Neuen Freien Presse ist der Geschäftsverkehr in einigen Regionen um fünfzig Prozent zurückgegangen.[2] Drei aufeinanderfolgende Vorstände der Liga sind von den Behörden wegen des Vorwurfs der Aufwiegelung verhaftet worden.[3]
Parallel zum Boykott bereitet sich der Klerus auf den Rückzug vor. Nach Anweisung des Erzbischofs Mora y del Rio sollen sich die Priester aus den Kirchen zurückziehen, bevor die neuen Regelungen in Kraft treten.[3] Gestern fanden die vorerst letzten Gottesdienste unter Leitung katholischer Priester statt. Tausende von Gläubigen versammelten sich dazu.[3] In der Kathedrale von Mexiko-Stadt kam es dabei zu tragischen Szenen. Wie der Evening Star berichtet, löste die Explosion des Blitzlichtpulvers eines Pressefotografen eine Massenpanik aus, weil die dicht gedrängte Menge einen Bombenangriff befürchtete.[3] Drei Personen wurden schwer verletzt, und nur die Enge der Menschenmasse verhinderte weitere schlimme Folgen, da niemand weit fliehen konnte.[3]
Die Regierung zeigt sich unterdessen unnachgiebig. Präsident Calles erklärte vor Vertretern des regionalen Arbeiterbundes, dass nun die Stunde für den endgültigen Kampf gekommen sei.[3] Er warf dem Klerus vor, die Regierung ausgerechnet in einem Moment schwerer internationaler Verwicklungen absichtlich herauszufordern.[3] „Wir werden sehen, ob die Revolution über die Reaktion triumphiert hat, oder ob der Triumph der mexikanischen Revolution nur flüchtig war“, so Calles nach Angaben des Evening Star.[3] Der Arbeiterbund sicherte dem Präsidenten seine uneingeschränkte Unterstützung zu und plant für den kommenden Sonntag umfangreiche Solidaritätskundgebungen. Für diese soll der gesamte Fahrzeugverkehr in der Hauptstadt eingestellt werden.[3]
Um weiteren Widerstand zu unterbinden, hat Generalstaatsanwalt Ortega angeordnet, alle Katholiken zu entwaffnen.[4] Nach Angaben der Washington Post vermutet die Behörde, dass in geheimen nächtlichen Zusammenkünften bewaffneter Widerstand gegen die neuen Gesetze geplant wird.[4] Auch die Pressefreiheit bleibt nicht unbeeinträchtigt. Generalstaatsanwalt Ortega hat die Chefredakteure der bedeutendsten Zeitungen der Hauptstadt in einer privaten Unterredung ermahnt, bei ihrer Berichterstattung über die religiöse Lage größte Zurückhaltung zu üben.[3] Die neuen Gesetze untersagen ohnehin jede Kommentierung nationaler politischer Angelegenheiten in konfessionellen Blättern.[1] Nach Berichten der Washington Post wurden bereits Verfahren gegen Redakteure in Tampico, Chihuahua und der Hauptstadt eingeleitet.[4]
Die Lage in der Republik bleibt weiterhin äußerst kritisch. Während gläubige Dienerinnen ihren Arbeitgebern mitteilen, künftig nur noch von Brot und Bohnen zu leben, um den Boykott zu unterstützen,[3] marschieren die Bundestruppen auf.[2] Das Innenministerium erklärte hierzu in knapper Form, man sei fest entschlossen, dem Widerstand gegen die Verfassung durch die unpatriotische Tätigkeit katholischer Agitatoren endgültig ein Ende zu setzen.[3]