Die Ermittlungen in der Magdeburger Mordaffäre sind endgültig in ein Spannungsfeld zwischen sachlicher Kriminalistik und politischer Profilierung geraten.[1] Von zuständiger Stelle wird gemeldet, dass die neu entsandten Berliner Beamten, Kriminalpolizeirat Kuntze, Kriminaloberinspektor Riemann und Kriminalkommissar Braschwitz, inzwischen in der Stadt eingetroffen sind.[1] Sie sollen die verworrenen Untersuchungen in geregelte Bahnen lenken, nachdem die bisherigen Verfahrensschritte erhebliches Aufsehen erregt hatten.[2][1] Der bislang tätige Kriminalkommissar Büsdorf reist derweil nach Berlin zurück, um seiner vorgesetzten Behörde einen ausführlichen Bericht zu erstatten.[2] Zuvor hatte er dem Landgericht die Ergebnisse seiner bisherigen Recherchen übermittelt.[2]

Im Mittelpunkt der Kritik der Öffentlichkeit steht das eigenmächtige Vorgehen des Untersuchungsrichters Kölling.[2] Laut dem Berliner Tageblatt hat Kölling in seiner Privatwohnung mehrere Stunden lang mit dem Kriminalkommissar Tenholt verhandelt und diesen sogar förmlich als Zeugen vernommen.[2] Dies geschah, obwohl gegen Tenholt ein Disziplinarverfahren schwebt und ihm von seinen Vorgesetzten strikt verboten wurde, weitere Aussagen in der Mordsache zu machen.[2][1] Der Vorwärts betont, dass die Magdeburger Justiz offenkundig weniger die Aufklärung des an Delling begangenen Verbrechens im Sinn habe, als vielmehr die Absicht, einen politischen Konflikt auf die Spitze zu treiben.[1] Das sozialdemokratische Blatt wirft Kölling und Tenholt zudem vor, sich zur Verbreitung ihrer Darstellungen gezielt der rechtsgerichteten Presse bedient zu haben.[1] So habe sich der Berliner Lokal-Anzeiger umgehend auf die Vernehmung Tenholts gestützt, um den Konflikt zwischen dem alten Richterstand und modernen Kriminalbeamten anzuheizen.[1] Untersuchungsrichter Kölling selbst hat sich offenbar in die Affäre verrannt; wie aus seinem Bekanntenkreis verlautet, soll er erst kürzlich geäußert haben, seine Nerven seien ruiniert.[2]

Unterdessen verdichtet sich das tatsächliche Beweismaterial gegen den Hauptverdächtigen Schröder.[2] Wie die Wiener Zeitung unter Berufung auf Berliner Blätter meldet, hat Kommissar Büsdorf Inserate aus dem Magdeburger Generalanzeiger sichergestellt, in denen Schröder unter dem Decknamen „Sphynx“ gezielt nach Herren suchte, die eine Kaution von 100 Mark stellen konnten.[3] Auch gegen den Chauffeur Große besteht der dringende Verdacht der Mitwisserschaft.[2] Obwohl Büsdorf ihn bereits verhaftet hatte, ordnete Kölling dessen Freilassung an und verzichtete bis heute auf eine Vernehmung.[2] Gerüchte, wonach eine Haftbeschwerde zugunsten des ebenfalls beschuldigten Direktors Haas abgewiesen worden sei, erweisen sich laut Auskünften aus Verteidigerkreisen als frei erfunden, da die Spruchkammer die Überprüfung der vorgebrachten Alibibeweise noch gar nicht abgeschlossen hat.[2][1]