Während sich die südslawische Öffentlichkeit in leidenschaftlicher Aufwallung gegen die Abmachungen von Nettuno wendet, werden in aller Heimlichkeit weitreichende Vereinbarungen zwischen Belgrad und dem Vatikan vorbereitet.[1] Die Kölnische Zeitung berichtet aus informierten Kreisen, dass seit Jahren Verhandlungen über den Abschluss eines Konkordats laufen.[1] Zwar wurden diese Gespräche wiederholt durch parteipolitische Kundgebungen gestört. Besonders die Agitation des früheren Unterrichtsministers Pribitschewitsch (Svetozar Pribićević), der jedes Abkommen mit Rom grundsätzlich ablehnt, erwies sich als hinderlich. Doch trotz dieser Störungen werden die Gespräche mit großer Zähigkeit fortgeführt.[1]
Die Ausgangslage hat sich durch die Entstehung des neuen Staates grundlegend gewandelt.[1] Das Serbien der Vorkriegszeit kannte keine bodenständige katholische Bevölkerung; der Staat war national und kirchlich rein orthodox geprägt.[1] Die orthodoxe Kirche hatte sich seit der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1309 fast ausschließlich in den Dienst des nationalen Befreiungskampfes gegen die Türken gestellt. Dadurch wurde sie allmählich zu einem politischen Kampfinstrument und glich schließlich einer erstarrten kirchlichen Organisation.[1] Neben diese Organisation traten jetzt mit einem Schlag vierzehn katholische Bistümer.[1] Eine starke politische Gruppierung, die von dem katholischen Geistlichen Dr. Anton Koroschetz geführte Slowenische Volkspartei, übernahm die Vertretung dieser kirchlichen Interessen. Damit brachte sie eine neue Note in das politische Leben.[1] In Belgrad wurde ein Kultusministerium geschaffen. Der päpstliche Nuntius Pellegrinetti (Ermenegildo Pellegrinetti) hielt seinen Einzug.[1]
Den Kern der Verhandlungen bilden zahlreiche praktische Fragen.[1] Dazu gehören die durch die neue Grenzziehung erforderliche Abgrenzung der Bistümer Marburg, Kalotscha und Temesvar, die Regelung der Seminarerziehung sowie das in Rom heftig umstrittene Hieronymusinstitut.[1] Dem südslawischen Konkordat verleiht jedoch vor allem die geplante Einführung des altslawischen Ritus anstelle der lateinischen Kirchensprache eine Bedeutung, die weit über die Staatsgrenzen hinausgeht.[1]
Diese Bewegung knüpft an alte dalmatinische Überlieferungen an, hat weite Kreise erfasst und wird von den meisten römisch-katholischen Bischöfen nachdrücklich gefördert.[1] Auf einer Zusammenkunft in Marburg an der Drau teilte Erzbischof Dr. Anton Bauer aus Agram mit, dass das slawische Rituale seiner Vollendung entgegengehe.[1] Auch Bischof Aksamowitsch (Antun Akšamović) von Diakovo bestätigte, dass die römische Polyglottdruckerei bereits das altslawische Messbuch drucke.[1] Der anfängliche Widerstand des Erzbischofs Dr. Iwan Scharitsch in Serajewo scheint inzwischen der straffen römischen Disziplin gewichen zu sein.[1]
Der Vatikan verfolgt mit diesem außergewöhnlichen Entgegenkommen ein klares Ziel.[1] Die Kurie sieht offenbar den Zeitpunkt gekommen, um durch die Beibehaltung des orientalischen Gewandes bei gleichzeitiger Anerkennung des römischen Dogmas eine Brücke zur orthodoxen Kirche zu schlagen. Diese Kirche ist nach dem Zerfall des russischen Einflusses ihres Rückhalts an Russland beraubt.[1] Einer der eifrigsten Verfechter dieser Idee ist der griechisch-katholische Bischof Niaradi (Dionysije Nyarádi) von Kreutz.[1]
Ein ungelöstes Problem bleibt jedoch das Schicksal der nichtslawischen Katholiken.[1] Die etwa 600.000 katholischen Schwaben und 450.000 Magyaren befürchten, dass ihnen die slawische Liturgie aufgezwungen wird.[1] In ihrer Not haben die deutschen Katholiken bereits die dringende Bitte an den deutschen Episkopat gerichtet, sie nicht der letzten Stütze ihres Deutschtums zu berauben.[1]