Präsident Calvin Coolidge beabsichtigt, sich im Jahre 1928 erneut um das höchste amerikanische Staatsamt zu bewerben.[1] Dies geht übereinstimmend aus den Äußerungen hochrangiger Besucher in der Sommerresidenz des Staatsoberhaupts in den Adirondack-Bergen hervor.[1] Während sich der Präsident in seinem Urlaubsdomizil bei Paul Smith im Staate New York fernab der Hauptstadt vornehmlich dem Fischfang widmet und dabei gelegentlich sogar die häusliche Abendtafel stundenlang warten lässt, verdichten sich die politischen Planungen für die kommende Wahl.[2]
Laut dem Berliner Tageblatt hatte Coolidge kürzlich den ehemaligen amerikanischen Botschafter Child in sein Sommerlager gebeten, um sich ausführlich über die europäische Lage unterrichten zu lassen.[1] Child erklärte im Anschluss, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten sei infolge des anhaltenden wirtschaftlichen Wohlstandes im Allgemeinen mit der jetzigen Regierung zufrieden.[1] Den ungewöhnlichen Umstand, dass ein amtierender Präsident sich um eine dritte, eigentlich unübliche Präsidentschaft bewerbe, tat der Diplomat als leeres Schreckgespenst vergangener Zeiten ab.[1] Für Coolidge, so zeigte sich Child überzeugt, werde dieses ungeschriebene Gesetz der amerikanischen Politik keine Geltung haben; sollte er kandidieren, werde er die Wahl unbedingt für sich entscheiden.[1]
Auch der Industrielle Henry Ford weilte jüngst in der Sommerresidenz. Coolidge hatte ihn zur Erörterung der allgemeinen Wirtschaftsaussichten sowie der Fordschen Flugzeugpläne eingeladen.[1] Ford teilt den wirtschaftlichen Optimismus des Präsidenten und betonte gegenüber der Presse, dass Coolidge im Volk sehr beliebt sei.[1]
In politischen Kreisen in Washington werden beide Äußerungen jedoch als gezielte Versuchsballons betrachtet.[1] Die amerikanische Öffentlichkeit hat auf diese Vorstöße bisher kaum reagiert.[1] Dennoch weisen genaue Kenner der Verhältnisse darauf hin, dass bei diesen Erklärungen wohl der Wunsch der Vater des Gedankens sei.[1] Es wird stark bezweifelt, dass Coolidge politisch durchsetzen kann, was selbst dem weit populäreren Theodore Roosevelt seinerzeit misslang.[1]
Wie die Washington Post ergänzend meldet, formiert sich zudem im republikanischen Lager bereits erheblicher Widerstand: Die Berater des Präsidenten diskutieren ernsthaft die Möglichkeit, dass Senator Borah als unabhängiger republikanischer Kandidat mit einer dritten Liste antreten könnte.[2] Dieser Plan findet laut Hauptstadtpresse besonders in den Südstaaten und unter Borahs Anhängern im Westen Zuspruch.[2] Eine solche innerparteiliche Spaltung würde eine Wiederwahl erheblich gefährden und gilt als Erklärung für die zahlreichen Redereisen des Senators.[2] Die New Yorker World fasst die Lage sachlich zusammen und prognostiziert, dass der Präsident vor einem sehr schwierigen Problem stehen werde, sollte er seine Absichten tatsächlich verwirklichen.[3]