Die Delegiertenkonferenz der britischen Bergarbeiter hat den zermürbenden Kohlenstreik seinem Ende nicht nähergebracht.[1] Im Gegenteil zeichnet sich eine mehrwöchige Fortdauer des Ausstandes ab, nachdem innerhalb der Gewerkschaft heftige Meinungsverschiedenheiten über den weiteren Kurs zutage getreten sind.[1]

Im Zentrum der Verhandlungen in London stand ein Memorandum der Exekutive, das die Annahme von Vermittlungsvorschlägen der anglikanischen Bischöfe und der Führer der Freikirchen empfahl.[2] Dieser Plan sah eine sofortige Wiederaufnahme der Arbeit zu den Bedingungen vor dem Streik sowie die Aushandlung eines nationalen Abkommens innerhalb von vier Monaten vor.[2] Danach noch bestehende Streitpunkte sollten einem Schiedsrichter übertragen werden.[2]

Laut dem Westfälischen Merkur kam es in der Nachmittagssitzung zu stürmischen Szenen.[3] Generalsekretär Arthur James Cook sprach sich für sofortige Verhandlungen aus, um möglichst günstige Bedingungen zu erlangen, und erklärte, er würde eher niedrigere Löhne als eine Verlängerung der Arbeitszeit akzeptieren.[3] Daraufhin sprangen die Bergarbeitervertreter von ihren Sitzen auf und übten scharfe Kritik an Cook.[3] Verschiedene Delegierte warfen ihm vor, vor den Grubenbesitzern und der Regierung kapituliert zu haben.[3]

Cook widersprach später dieser Darstellung und verneinte, dass die Konferenz stürmisch verlaufen sei.[3] Vielmehr habe die Zusammenkunft die Entschlossenheit der Bergarbeiter gestärkt, den Kampf fortzusetzen.[3] Es ist jedoch bemerkenswert, dass sich das radikale Element innerhalb der Delegiertenkonferenz deutlich bemerkbar machte.[3]

Wie die China Mail aus London meldet, erklärten Cook und weitere Führer, dass der Verband eine Vermittlung in der Frage der Arbeitszeit keinesfalls akzeptieren werde.[4] Auch Delegierte aus einigen größeren Bezirken lehnten eine gerichtliche Entscheidung über eventuelle Lohnkürzungen entschieden ab.[4] In den Debatten bezeichneten mehrere Redner diesen Vorschlag als eine Aufgabe der Grundsätze, während sie zugleich die Beibehaltung der bisherigen Arbeitszeit energisch verteidigten.[4]

Trotz dieser Widerstände entschied die Konferenz am späten Abend mit großer Mehrheit, die Vorschläge der Bischöfe an die einzelnen Bezirke zur Abstimmung weiterzuleiten, verbunden mit der Empfehlung, diese anzunehmen.[2][4] Dem Westfälischen Merkur zufolge wurde zudem beschlossen, das kirchliche Memorandum den Grubenbesitzern mit der Empfehlung zu übermitteln, es als Verhandlungsbasis zu betrachten.[3] Dieser Beschluss schwächte die Position Cooks ab und brachte keine Änderung der festgefahrenen Lage, da die kirchlichen Vorschläge von Arbeitgeberseite ohnehin abgelehnt worden waren.[3]

Die Umsetzung der bischöflichen Vorschläge gilt als unwahrscheinlich.[2] Premierminister Stanley Baldwin hat bereits klargemacht, dass eine weitere staatliche Subventionierung, die für die Durchführung des Friedensplans nötig wäre, nicht infrage kommt.[2] Vor diesem Hintergrund rechnen die Delegierten damit, dass der Kampf noch bis Ende September andauern könnte.[2]

Unterdessen versuchen die britischen Grubenbesitzer, die Streikfront zu durchbrechen. Nach Angaben der Prawda bieten sie bestimmten Gruppen von Bergarbeitern günstigere Bedingungen an, um einen Keil in die Reihen der Ausständigen zu treiben.[5] Im Bezirk Warwickshire, der mit knapp 20.000 Arbeitern zu den kleineren Kohlenrevieren Englands zählt, schlugen die Arbeitgeber die Wiederaufnahme der Arbeit auf Grundlage des Achtstundentages vor, boten jedoch gleichzeitig höhere Löhne an als vor dem Streik.[5] Die Prawda zitiert in diesem Zusammenhang den Manchester Guardian mit der Einschätzung, es wäre seitens der Regierung eine große Unbesonnenheit, auf eine schnelle Kapitulation der Bergarbeiter zu setzen.[5] Die Grubenbesitzer sind offenbar entschlossen, den Achtstundentag als unabdingbare Grundlage jedes neuen Übereinkommens zu fordern.[1]

Dem Hong Kong Telegraph zufolge wurde auf der Konferenz ferner berichtet, dass aus den Bezirken — insbesondere den Midlands — gemeldet wurde, die Rückkehr zur Arbeit sei nun nahezu zum Stillstand gekommen.[2] Bislang hatten in allen Kohlenfeldern insgesamt etwa 61.000 Männer die Arbeit wieder aufgenommen, wobei es sich dabei nicht nötig um Kohlenhauer, sondern um verschiedene Klassen von Minenarbeitern handelte.[2] Das notwendige Sicherheitspersonal ist in dieser Zahl nicht enthalten.[2]

Die Auswirkungen des englischen Arbeitskampfes machen sich auch in anderen Ländern bemerkbar. Das Berliner Tageblatt vermerkt, in den Kreisen der deutschen Bergarbeiterverbände sei man sich darüber im Klaren, dass nach einer Beendigung des britischen Streiks eine deutlich verschärfte englische Kohlenkonkurrenz zu erwarten sei.[1] Auf internationaler Ebene erlitten die britischen Gewerkschafter zudem einen Rückschlag: Wie die Prawda meldet, verließen die Vertreter der englischen Bergarbeiterföderation Paris verärgert.[5] Ihr Vorstoß, den Abbau von Kohle auf dem europäischen Kontinent zu drosseln, um die gestiegene Produktion und den Export während des Streiks auszugleichen, war vom Exekutivkomitee der internationalen Bergarbeiterföderation abgelehnt worden.[5]