Zum ersten Male seit ihrem siebenjährigen Bestehen versammelt sich die Deutsche Studentenschaft am Rhein.[1] Nachdem der für das Vorjahr in Bonn geplante Studententag durch ein Verbot der Besatzungsbehörden vereitelt worden war, haben sich nun rund 250 studentische Abgeordnete aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet eingefunden.[2]
Auf der Tagesordnung der bis zum 5. August andauernden Tagung stehen neben Vorträgen namhafter Professoren wie Scheel, Dibelius und Platz über das angloamerikanische und romanische Hochschulwesen vor allem hochschulpolitische Kernfragen.[1] Die Kölnische Zeitung berichtet, dass es dabei unter anderem um die Forderung nach einer weitgehenden Selbstverwaltung der Hochschulen bei gleichzeitiger Einschränkung der Staatsaufsicht sowie um die materielle Trennung von Staatsexamen und Doktorexamen geht.[2] Die junge Akademikerschaft bekundet Bereitschaft, an der Ausgestaltung der Universitäten mitzuwirken.[2]
Doch bereits der studentische Begrüßungsabend wurde von schweren Auseinandersetzungen überschattet. Der Hauptausschuss der Deutschen Studentenschaft hatte angeordnet, den Festsaal in friedlicher Eintracht mit den offiziellen Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold und den alten Farben Schwarz-Weiß-Rot zu beflaggen.[3] Die Farben Schwarz-Weiß-Rot galten als Symbol für jene Regimenter, in denen unzählige Kommilitonen während des Weltkriegs gekämpft und ihr Leben gelassen hatten.[3][4] Die lokale Bonner Studentenschaft, vertreten durch ihren Vorsitzenden Mager, hatte sich im Vorfeld jedoch ausdrücklich für die ausschließliche Verwendung von Schwarz-Rot-Gold ausgesprochen. Sie hatte zudem eigenmächtig die Stadtverwaltung dazu veranlasst, entsprechend zu verfahren.[4] Als die Festteilnehmer den Saal betraten, wehten zunächst beide Flaggen nebeneinander.[3] Kurz vor Beginn der Veranstaltung gab Vorsitzender Mager den Auftrag, die schwarz-weiß-roten Fahnen durch einen Messerschnitt gewaltsam zu entfernen.[3][4]
Dieser Konflikt löste unter den Abgeordneten große Empörung aus. Nach Ansicht der Deutschen Allgemeinen Zeitung betrachtete die überwiegende Mehrheit dieses Vorgehen als taktlose Entehrung des Andenkens an die Gefallenen.[3] Daraufhin verließ der größte Teil der Teilnehmer unter Protest den Saal, sodass die ersten Begrüßungsreden vor weitgehend leeren Plätzen gehalten werden mussten.[3][4] Die Delegierten wichen in einen anderen Bonner Saal aus. Der Hauptausschuss trat umgehend zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten.[3] Erst vor der Rede des Vorsitzenden der Deutschen Studentenschaft, Dr. jur. Hellmut Bauer, füllte sich der Raum wieder.[3][1] In seiner vermittelnden Ansprache bedauerte Bauer nachdrücklich, dass die ansonsten in der Studentenschaft ausgeprägte Achtung vor der Meinung des politischen Gegners — die er im Gegensatz zu den politischen Parteien als gefestigt ansah — schwer erschüttert sei.[3]
Dem bedauerlichen Eklat steht ein Geleitwort von Reichspräsident Paul von Hindenburg gegenüber, das den Teilnehmern übermittelt wurde. Darin wünschte er der Tagung im „nunmehr endlich befreiten Bonn“ vollen Erfolg und ermahnte die akademische Jugend, ihr wahres Ziel in der „Überwindung politischer Gegensätze“ zu suchen.[3] Ob seine Mahnung Wirkung zeigen wird, bleibt jedoch fraglich. Neben den anstehenden Sachdebatten, zu denen auch ein Grundsatzreferat Bauers gehört, ist laut Westfälischem Merkur auch ein Bericht über die Vorgänge um den pazifistischen Professor Lessing in Hannover vorgesehen. Dieser Bericht dürfte weitere scharfe Auseinandersetzungen hervorrufen.[1]