Der diplomatische Streit um das britisch-italienische Abkommen bezüglich Abessiniens hat eine neue, kritische Phase erreicht.[1] Wie der Pariser Temps berichtet, hat die äthiopische Regierung den Völkerbund offiziell mit der Angelegenheit befasst und dem Völkerbundsekretariat den gesamten diplomatischen Schriftwechsel übermittelt.[1] In einem Schreiben an die Genfer Institution erhebt Tafari Makonnen, der Regent und Thronfolger des Kaiserreichs, scharfen Protest gegen die konzertierte Aktion der Kabinette in London und Rom.[1] Er sieht in dem Pakt, der ohne Wissen Äthiopiens geschlossen wurde, eine gravierende Bedrohung der staatlichen Souveränität und Unabhängigkeit seines Landes.[1]
Tafari Makonnen führt in seiner Note aus, das Abkommen erscheine ihm umso verdächtiger, als vorausgegangene direkte Verhandlungen zwischen London und Addis Abeba über die Nutzung der Gewässer des Tsanasees ergebnislos geblieben waren.[1] Die äthiopische Regierung ziehe daraus den Schluss, dass Großbritannien und Italien einander Unterstützung zugesichert hätten. Ziel sei es, starken Druck auszuüben und die Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Forderungen zu erzwingen.[1] Der Regent zeigt sich tief misstrauisch und erklärt in seiner Beschwerde wörtlich: „Wir können nicht ignorieren, dass der wirtschaftliche und der politische Einfluss zwei eng miteinander verbundene Schwestern sind.“[1] Aus äthiopischer Sicht stehe ein solches Vorgehen im klaren Widerspruch zu den Grundprinzipien der Völkerbundsatzung.[1]
Gegenstand der Kontroverse ist ein Briefwechsel vom 14. Dezember 1925 zwischen dem britischen Botschafter in Rom, Sir R. Graham, und dem italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini.[1] Nach Angaben des Temps einigten sich beide Mächte auf zwei konkrete Ziele: Italien verpflichtet sich, britische Initiativen zu unterstützen, um eine Konzession für den Bau eines Staudamms am Tsanasee zur Regulierung des Blauen Nils und für eine Autostraße zur sudanesischen Grenze zu erhalten.[1] Im Gegenzug sagt England seine Unterstützung für eine italienische Konzession zum Bau einer Eisenbahnlinie durch abessinisches Gebiet — von Eritrea im Norden bis zur italienischen Somaliküste im Süden — zu.[1] Brisant ist dabei das britische Zugeständnis, eine ausschließliche italienische wirtschaftliche Einflussnahme im Westen Äthiopiens sowie im gesamten, von der geplanten Bahnlinie durchquerten Territorium anzuerkennen.[1]
In London und Rom bemüht man sich derweil, die Wogen zu glätten.[1] Eine inoffizielle britische Note betont, man habe keine Einwände gegen eine gründliche Prüfung der Angelegenheit durch den Völkerbund.[1] Laut der Zeitung Daily News begrüßt die Londoner Regierung diese Entwicklung sogar, da sie die Geheimhaltung um den Pakt beende.[1] Man verfolge ausschließlich das Ziel, die Wasserversorgung der sudanesischen Bevölkerung sicherzustellen.[1] Der britische Gesandte in Addis Abeba, C. Bentinck, sowie der italienische Minister Graf Colli versicherten dem Regenten, das Abkommen trage ausschließlich wirtschaftlichen Charakter.[1] Äthiopien bleibe frei, entsprechende Anfragen positiv oder negativ zu beantworten.[1]
Ein aufschlussreiches Detail des veröffentlichten Schriftwechsels ist ein Verweis auf das Jahr 1919.[1] Damals hatten italienische Delegierte in London der britischen Regierung ein ähnliches Abkommen vorgeschlagen.[1] Das britische Kabinett lehnte dies jedoch ab, da es Bedenken hatte, einer fremden Macht Kontrolle über die Quellen des für Ägypten und den Sudan lebenswichtigen Nils einzuräumen.[1] Die Tatsache, dass diese Vorbehalte nun aufgegeben wurden, wird offiziell mit den inzwischen besonders vertrauensvollen Beziehungen zwischen London und Rom begründet.[1]
In italienischen Regierungskreisen herrscht laut dem Temps Überraschung über den Schritt Tafari Makonnens.[1] Nach einem zuvor freundlich gehaltenen Brief des Regenten an Mussolini hatte man nicht mit einer Anrufung des Völkerbundes gerechnet.[1] London und Rom tauschen derzeit ihre Eindrücke über die äthiopische Note aus und halten an ihrer prinzipiellen Solidarität fest.[1] Sollte die Regierung in Addis Abeba ihren formellen Protest aufrechterhalten, muss sich der Völkerbundrat auf seiner kommenden September-Tagung mit den Argumenten dieser Kontroverse befassen.[1]