Zum ersten Mal seit Ausbruch des britischen Bergarbeiterstreiks vor nunmehr dreizehn Wochen zeichnet sich eine ernsthafte Möglichkeit zur Beilegung des tiefgreifenden Konflikts ab.[1] Die Delegiertenkonferenz der Bergarbeiter hat sich nach heftigen Debatten für die Wiederaufnahme von Verhandlungen entschieden.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge bedeutet dieser Schritt faktisch eine Abkehr von der kompromisslosen Linie ihres Sekretärs Cook (A. J. Cook). Dieser hatte bislang jegliche Verlängerung der Arbeitszeit und jede Lohnkürzung kategorisch abgelehnt.[1] Die Konferenz nahm jene Vermittlungsvorschläge an, die führende englische Bischöfe im Namen der Arbeiterschaft dem Premierminister unterbreitet hatten.[1] Die Delegierten verpflichteten sich, diese Vorschläge — sie sehen unter anderem ein unparteiisches Schiedsgericht für alle Streitfragen zwischen Belegschaft und Zechenbesitzern sowie eine neue Lohnregelung vor — den einzelnen Bergwerksdistrikten zur Annahme zu empfehlen.[1]
Das wochenlange Ringen hat auf beiden Seiten erhebliche Kräfte gezehrt. Die Moskauer Prawda betont die zähe Widerstandskraft der Streikenden, die dem Druck der Zechenbesitzer ein Vierteljahr lang getrotzt haben.[2] Das Eingreifen der Kirchenvertreter wird dort als Manöver der Bourgeoisie bewertet, nachdem weltliche Vermittlungsbemühungen durch Thomas und Macdonald (Ramsay MacDonald) in eine Sackgasse geraten waren.[2] Gleichzeitig vermerkt das sowjetische Blatt jedoch die Feststellung Cooks, dass die Kirche in diesem Arbeitskampf „auf der Seite der Bergarbeiter“ stehe.[2]
Wie massiv der wirtschaftliche Druck zur Beendigung des Ausstandes inzwischen geworden ist, zeigt sich in Berechnungen der europäischen Auslandspresse. Nach Angaben von Le Temps hat der Streik die britische Wirtschaft bislang etwa 200 Millionen Pfund Sterling — umgerechnet 38 Milliarden Francs — gekostet.[3] Noch bedrohlicher für die englische Kohlenindustrie ist jedoch der schnelle Verlust europäischer Absatzmärkte.[3] Laut dem französischen Hauptstadtblatt haben amerikanische und deutsche Kohlenexporteure die Vormachtstellung in Südeuropa übernommen.[3] In Griechenland ist der Markt mit deutscher und amerikanischer Kohle überschwemmt. Das deutsche Material ist zudem jenem aus Cardiff qualitativ ebenbürtig.[3] Deutschland entsendet zudem kostenfrei Ingenieure nach Italien, damit die dortigen Kesselanlagen für die veränderten Kohlesorten umgerüstet werden können. Französische Importeure werden durch Verträge mit westfälischen Lieferanten inzwischen auf mehrmonatige Abnahmefristen festgelegt.[3]
Neben dem drohenden wirtschaftlichen Desaster war vor allem die öffentliche Stimmung ausschlaggebend dafür, dass eine Einigung unumgänglich wurde. Ein Bericht des Evening Star aus Washington zitiert den britischen Parlamentarier Whyte (Frederick Whyte), der in einer Rede erklärte, der Streik werde weniger durch die Regierung als durch die öffentliche Meinung gebrochen.[4] Die englische Bevölkerung habe die landesweite Arbeitsniederlegung zunehmend als unzulässigen Versuch betrachtet, Einfluss auf die inneren Angelegenheiten des Landes zu nehmen.[4] Einsichtige Arbeiterführer hatten schon vor Wochen erkannt, dass von der reinen Obstruktionspolitik abgerückt werden müsse.[1] Der britische Gewerkschaftskongress hatte wiederholt versucht, die Bergarbeiterexekutive von dieser Notwendigkeit zu überzeugen.[1] Hätten die Bergarbeiter ihr Schiedsgerichtsangebot bereits vor drei Monaten formuliert, dann hätte sich die britische Regierung dem Verlangen der Öffentlichkeit nach einer friedlichen Beilegung zweifellos nicht widersetzen können.[1]