Der erbitterte Religionskonflikt in Mexiko hat in den vergangenen Tagen eine gefährliche Zuspitzung erfahren und zu ersten blutigen Opfern geführt. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung unter Berufung auf die Agentur Havas meldet, ist in der Hauptstadt ein Komplott gegen das Leben des Präsidenten Calles aufgedeckt worden.[1] Die Polizei verhaftete sieben Frauen und zwei Männer, die alle im städtischen Dienst stehen.[2] Als Kopf der Verschwörung gilt eine junge Stenotypistin namens Dolores Lemus.[2] Nach Berichten der Washington Post bot das Fenster ihres städtischen Büros einen direkten Blick auf den Präsidentenpalast, was Spekulationen über die Art des geplanten Attentats nährte.[3] Die Verhafteten sollen der „Liga zur Verteidigung der Religionsfreiheit“ angehören.[1] Während die Regierung strenges Stillschweigen über die weiteren Ermittlungen bewahrt, wird nach weiteren Verdächtigen intensiv gefahndet.[2]
Die Entdeckung dieser Attentatspläne fällt mit der landesweiten Konfiskation der Kirchengüter durch den Staat zusammen. Bei der Übernahme der Kirchengebäude durch hastig gebildete Bürgerkomitees kam es in mehreren Vierteln der Hauptstadt zu schweren Zusammenstößen.[1] Als die Polizei in die Kirche Barro Tepite eindrang, leistete eine fanatisierte Menge massiven Widerstand.[1] Die Beamten bestanden auf der Schließung der Kirchentüren; daraufhin fielen Schüsse.[1] Der örtliche Sakristan wurde getötet, zwei weitere Personen erlitten lebensgefährliche Verletzungen.[1] Ähnliche Szenen spielten sich dem Berliner Tageblatt zufolge vor der Katharinenkirche ab. Dort griff eine aufgebrachte Menge den Justizminister Ortega an und bewarf ihn mit Steinen.[2] In der Raffael-Kirche weigerte sich die Gemeinde hartnäckig, das Gotteshaus zu verlassen, und bewarf die anrückende Polizei mit Steinen.[1] Herbeigerufene Truppen eröffneten das Feuer. Nach Angaben der Neuen Freien Presse wurden dabei zehn Personen, überwiegend Frauen, verwundet.[4] Die Regierungstruppen hatten zwar den Befehl erhalten, bei Konflikten lediglich in die Luft zu feuern; dennoch forderte der Einsatz scharfer Munition bislang landesweit mindestens sechs Tote und achtunddreißig Verwundete.[5][4]
Wie groß die Unruhe selbst in den höchsten politischen Kreisen ist, verdeutlicht ein tragischer Zwischenfall in einem Restaurant der Hauptstadt. Dort erörterten der Senator Galvan und der Richter Salcedo die politische Lage auf die früher landesübliche Weise mit Pistolenschüssen.[2] Beide Kontrahenten wurden getötet, zwei unbeteiligte Gäste erlitten Verwundungen.[2]
Im Vorfeld der staatlichen Übernahme erlebten die mexikanischen Kirchen einen beispiellosen Ansturm der Gläubigen.[4] Die Priester waren den gesamten Tag über ununterbrochen damit beschäftigt, Taufen, Trauungen und Konfirmationen vorzunehmen.[5] Wegen der erdrückenden Menschenmassen sahen sich die Geistlichen gezwungen, die heiligen Handlungen im Blockverfahren zu vollziehen, während zahlreiche Anhänger auf den Vorplätzen ausharren mussten.[5] Gleichzeitig inventarisierten kirchliche Würdenträger in aller Eile die verbliebenen Kirchenschätze.[5] Zahlreiche Mönche und Nonnen haben das Land fluchtartig verlassen und sind in nordamerikanischen Grenzstädten eingetroffen.[2]
Die schärfste Waffe der Opposition ist derzeit der von katholischer Seite ausgerufene Wirtschaftsboykott. Viele Geschäfte und Theater bleiben geschlossen, zahlreiche Bürgerinnen tragen Trauerkleidung und haben ihre Häuser mit schwarzem Krepp behängt.[1][5] Vierzig junge Frauen aus wohlhabenden Familien wurden unter der Beschuldigung verhaftet, illegale Propaganda für diesen Boykott betrieben zu haben.[2][4] Die wirtschaftliche Unsicherheit gipfelte laut der Neuen Freien Presse in einem derartigen Ansturm auf die Bank von Mexiko, dass das Institut seine Schalter vorübergehend für eine Stunde schließen musste, um eine Panik der Einleger zu verhindern.[4]
Die Regierung Calles beantwortet die Boykottmaßnahmen mit Gegendemonstrationen. In Mexiko-Stadt marschierten die Mitglieder des Arbeiterverbandes und Tausende Regierungsangestellte in einem zweieinhalbstündigen Zug vor dem Rathaus auf. Von dessen Balkon grüßte der Präsident die Menge.[1] Um allen Angestellten die Teilnahme zu ermöglichen, wurde der öffentliche Verkehr vollständig eingestellt. Die stillstehenden Straßenbahnen dienten den Gewerkschaftsrednern als Tribünen.[1] Die Schätzungen über die Teilnehmerzahl schwanken zwischen 15.000 und 150.000 Personen.[1][2] Auf den mitgeführten Transparenten waren Losungen zu lesen wie „Calles vollendet das Werk von Juarez“ — eine historische Anspielung auf jenen Präsidenten, der bereits vor über sechzig Jahren kirchliches Eigentum konfisziert hatte.[3] Die Demonstranten verhielten sich diszipliniert. Die katholische Bevölkerung blieb demonstrativ in ihren Häusern.[1][2] In Gewerkschaftskreisen wird allerdings eine Spaltung befürchtet, da viele gläubige Arbeiter den harten Kurs gegen die Kirche nicht länger mittragen wollen.[5]
Auch auf diplomatischem Parkett erfasst die Krise weitere Kreise. Die Regierung wies den Geschäftsträger der päpstlichen Nuntiatur, Monsignore Crespi, kurzerhand aus, gestattete jedoch auf Intervention der italienischen Legation eine Verdoppelung der Ausreisefrist auf achtundvierzig Stunden.[2] Da Crespi amerikanischer Staatsbürger ist, ruhte die Hoffnung der Kirche auf Washington. Die Vereinigten Staaten jedoch lehnen eine Intervention ab.[2] Der amerikanische Methodistenbischof in Mexiko erklärte das Vorgehen des Präsidenten Calles sogar ausdrücklich für gerechtfertigt.[2] Unterdessen hat der britische Gesandte formelle Vorstellungen beim Außenamt erhoben.[1] Es geht um die Christ-Church-Kathedrale der britischen Kolonie, die nach britischer Auffassung kein Kirchengut, sondern das Privateigentum dreier britischer Kuratoren darstellt und somit nicht konfisziert werden dürfe.[6]
Indessen zeichnet sich ein vorsichtiger Versuch der Annäherung ab. Wie die Nachrichtenagentur Associated Press aus bischöflichen Kreisen erfuhr, hat der Episkopat der Regierung einen Waffenstillstand vorgeschlagen.[2] Ein Volksentscheid solle abschließend über die antikirchlichen Gesetze befinden.[6] Präsident Calles rechtfertigte seine Politik in einer Erklärung gegenüber der Evening Post und betonte, die Regierung habe niemals die Absicht gehabt, die Kirchen dauerhaft zu schließen.[6] Sofern die Priester sich weigerten zu predigen, ohne die Verfassung zu verletzen, blieben sie unbelästigt.[6] Einer Verfassungsänderung auf gesetzlichem Wege stehe nichts entgegen, jedoch werde der Staat bis dahin unerbittlich die Achtung der bestehenden Gesetze erzwingen.[6]