Der spanische Ministerpräsident und Diktator, General Primo de Rivera, ist am Samstagabend in Barcelona nur knapp einem Mordanschlag auf offener Straße entgangen.[1] Wie Le Figaro in seiner jüngsten Ausgabe meldet, ereignete sich der aufsehenerregende Zwischenfall gegen 19.30 Uhr auf der Aduanas-Promenade.[2] Der General begab sich zu diesem Zeitpunkt in einem geschlossenen Automobil zum Bahnhof, um nach seinem Aufenthalt in Katalonien die Rückreise nach der Hauptstadt Madrid anzutreten.[2] Dem Harburger Tageblatt zufolge näherte sich ein Mann auf der Plaza Palacio, etwa 300 Meter vom Bahnhof entfernt, dem Wagen des Diktators. Er zog unerwartet einen langen Dolch aus seiner Tasche, den er mit großer Wucht in die Richtung des Generals schleuderte.[3]
Da das Fahrzeug des Regierungschefs eine erhebliche Geschwindigkeit aufwies, konnte der Attentäter nicht nah genug an den Wagen herantreten. Dadurch verfehlte die Waffe ihr eigentliches Ziel.[4][3] Der geworfene Dolch prallte, nach übereinstimmenden Berichten des Vorwärts und anderer Blätter, an der Außenwand des Wagens ab.[4] Die Neue Freie Presse führt hierzu ergänzend aus, dass sich das Messer tief in die Rückwand hinter dem Sitz des Generals eingebohrt habe.[5] Neben dem Ministerpräsidenten befanden sich im Fond des Wagens der Regierungspräsident von Katalonien, General Barrera, sowie der amtierende Hafenkommissar, Oberst Alvarez de la Campa.[1][2] Bei dem unvermittelten Angriff wurde keiner der hochrangigen Insassen verletzt.[2]
Das Begleitfahrzeug der Kriminalpolizei, das dem Automobil Primo de Riveras zur unauffälligen Überwachung unmittelbar folgte, reagierte im selben Augenblick und überfuhr den flüchtenden Attentäter.[1][2] Dieser wurde brutal zu Boden gerissen und erlitt bei dem Zusammenprall einen doppelten Bruch des rechten Oberschenkels.[4][5] Der schwerverletzte Mann konnte umgehend von den Sicherheitskräften festgenommen und unter strenger Bewachung in ein nahes Krankenhaus überführt werden.[1][5] Der Diktator selbst ließ, durch den Lärm aufmerksam gemacht, seinen Wagen anhalten. Er betrachtete den gegen ihn gerichteten Dolch einige Augenblicke lang äußerst ruhig.[1][6] Anschließend setzte er die Fahrt zum Bahnhof fort, wo ihm die versammelte Menschenmenge spontane und große Ovationen bereitete.[3]
Bei dem festgenommenen Täter handelt es sich um den 34-jährigen Tagelöhner Domingo Massachs Torrente, der aus der Provinz Barcelona stammt.[1][5] Die polizeilichen Feststellungen ergaben rasch, dass der Mann ein in den Polizeiarchiven weithin bekannter Anarchist ist.[5] Er verbüßte in der Vergangenheit wegen eines gewaltsamen Überfalls auf einen Polizeibeamten bereits eine sechsjährige Zuchthausstrafe.[5] Bislang weigert sich der Täter hartnäckig, gegenüber den ermittelnden Behörden Angaben über die genauen Beweggründe seines Attentats zu machen.[3][5]
Primo de Rivera bestätigte nach seiner sicheren Ankunft in Madrid den Vorfall vor Pressevertretern und bezeichnete ihn als die isolierte „Tat eines Fanatikers“. Diese Tat tue der tiefen Zuneigung der großen Mehrheit des spanischen Volkes ihm gegenüber keinen Abbruch.[4] Das Berliner Tageblatt weist jedoch eindringlich darauf hin, dass Barcelona seit jeher als Sammelpunkt aller extremradikalen Elemente Spaniens gilt. Die Stadt ist bereits unzählige Male der blutige Schauplatz politischer Attentate gewesen.[1] Dass der Diktator trotz der durch seine eigene Politik erzeugten hochgradigen Spannungen nicht vor einem Besuch der katalanischen Hauptstadt zurückschreckte, spricht für seinen persönlichen Mut.[1] Der Anschlag eines anarchistischen Einzeltäters kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die zivile Opposition gegen die nur notdürftig verhüllte militärische Diktatur weit über die radikalen Kreise hinaus in das Bürgertum hinein anwächst.[1]
Infolge der Ereignisse ist die Lage an der Grenze außerordentlich angespannt. Wie das Berliner Tageblatt aus Perpignan berichtet, wird die spanische Grenze nach Frankreich derzeit aufs Schärfste überwacht.[1] Die Behörden befürchten, dass die französische Regierung zahlreiche verdächtige Ausländer ausweisen werde, um im Anschluss illegalen Unterschlupf in Spanien zu suchen.[1] Die Nervosität der Regierung zeigt sich auch daran, dass die Verbreitung von falschen Nachrichten ab sofort drakonisch mit einer Geldstrafe von 500 Pesetas und Gefängnis bestraft wird.[1] Ferner steht die Umgebung des einflussreichen Senators Borras, der sich in einem Grenzdorf aufhält, unter strenger Beobachtung. Man vermutet, er plane Rücksprachen mit separatistischen Kreisen Kataloniens.[1]