Der Völkerbund in Genf sieht sich mit einer neuen diplomatischen Verwicklung konfrontiert, die weite Kreise zieht. Wie der Pariser Temps meldet, hat das Völkerbundsekretariat dem Völkerbundrat sowie allen Mitgliedsstaaten eine bemerkenswerte Korrespondenz übermittelt.[1] Ausgangspunkt ist ein formeller Protest des abessinischen Regenten Ras Taffari, der sich in einem Schreiben vom 22. Juli an den Völkerbund wandte.[1] Der Regent beklagt, dass Abessinien bei den jüngsten Verhandlungen zwischen Großbritannien und Italien übergangen worden sei und das in den Noten niedergelegte Abkommen keinesfalls akzeptieren könne.[2] Die entsprechenden diplomatischen Noten, welche zwischen Rom und London bereits am 14. und 20. Dezember 1925 ausgetauscht wurden, sind der abessinischen Regierung erst am 9. Juni 1926 zur Kenntnis gebracht worden.[1] Am 30. Juni erfolgte dann auf Ersuchen der beiden Vertragsstaaten die offizielle Registrierung in Genf.[1]

Der Kern des anglo-italienischen Einvernehmens betrifft wesentliche wirtschaftliche und strategische Interessen in Ostafrika. Laut der China Mail sichert sich Großbritannien die Unterstützung Italiens, um die Wasser des Tsana-Sees für Bewässerungsanlagen im Sudan zu nutzen und eine Automobilstraße von Abessinien in den Sudan zu errichten.[2] Im Gegenzug verpflichtete sich die britische Regierung, den Bau einer italienischen Eisenbahnlinie nicht zu behindern. Diese Eisenbahn soll die italienischen Kolonien Eritrea und Somaliland quer durch das westliche Abessinien verbinden.[2] Die Aufteilung der Interessensphären hat im britischen Unterhaus zu einer stürmischen Debatte geführt. Dabei griff die Opposition die Regierung scharf an.[2][1]

Vor einem zunächst spärlich besetzten Haus eröffnete der liberale Abgeordnete Wedgwood Benn die schon länger von der Opposition geforderte Aussprache.[3] Nach Angaben der Neuen Freien Presse zog Benn eine bedenkliche Parallele zur Vergangenheit. Er erinnerte daran, dass England mit dem Marokko-Vertrag bereits einmal bittere Erfahrungen gemacht und an den Rand einer internationalen Krise geraten sei.[3] Es sei unklug, sich mit Italien auf ein derartiges Abkommen einzulassen, da Rom hinsichtlich der Achtung der abessinischen Souveränität einen schlechten Ruf genieße.[3] Dem Figaro zufolge hob der Abgeordnete zudem eine bemerkenswerte historische Tatsache hervor: Gerade Großbritannien und Italien gehörten zu den schärfsten Gegnern des abessinischen Beitritts zum Völkerbund, als Abessinien einst die Aufnahme beantragte.[4] Vor dem Hintergrund des jetzigen Notenaustausches wirft dies ein bezeichnendes Licht auf das britische diplomatische Vorgehen.[4]

Auch die Arbeiterpartei übte deutlich Kritik. Ihr Sprecher Arthur Ponsonby betonte, es entstehe ein peinlicher Eindruck, wenn sich zwei Großmächte gegenseitige Unterstützung zusicherten, um gemeinsam Druck auf einen viel schwächeren Staat auszuüben.[3] Besonders befremdlich sei, dass dieser Staat über die ihn betreffenden Verhandlungen im Vorfeld völlig im Unklaren gelassen wurde.[3] Ponsonby räumte ein, das britische Bemühen, eine ausreichende Wasserversorgung für den Sudan zu gewährleisten, sei an sich ein verständliches Anliegen.[3] Doch sei dieses berechtigte Ziel nun auf ungünstige Weise mit italienischen Forderungen verknüpft worden, die deutlich weniger legitim erschienen.[3] Die Abgrenzung von Wirtschaftsgebieten innerhalb der Grenzen eines schwachen, souveränen Staates — so warnte der Abgeordnete — sei historisch oft der Auftakt zu dessen endgültiger Aufteilung gewesen.[3]

Außenminister Sir Austen Chamberlain wies die Vorwürfe entschieden zurück und bezeichnete die dargestellten Meinungen als Fehlinterpretation des Vertrages.[3] Die britischen und italienischen Noten, so versicherte er dem Parlament, legten nicht fest, Abessinien oder eine andere Regierung rechtlich zu binden.[2] Sie enthielten weder einen Angriff auf die abessinische Unabhängigkeit noch die Absicht, Zwang oder Druck auf die Regierung in Addis Abeba auszuüben.[2] Abessinien sei weiterhin in seiner Entscheidung vollkommen frei, ob es die von England und Italien geforderten Konzessionen gewähren wolle.[3] Um den rein technischen Charakter des Projekts hervorzuheben, verwies Chamberlain darauf, dass ein Staudamm am Tsana-See schon 1902 vom Kaiser Menelik in Erwägung gezogen worden war.[2] Der derzeitige Vorstoß, so Chamberlain, sei allein aus der Notwendigkeit entstanden, Ägypten und dem Sudan, deren Bevölkerung rasch wachse, neues Wasser zuzuführen, um die landwirtschaftlich nutzbare Fläche zu vergrößern.[3]

Die Einschaltung des Völkerbundes sah Chamberlain nicht als Rückschlag, sondern als willkommene Gelegenheit. England begrüße es, im Genfer Forum die Lauterkeit seiner Absichten deutlich machen zu können.[3] Auch in der regierungsnahen Presse finden diese Darlegungen Widerhall. Wie der Temps unter Berufung auf die englische Times berichtet, verfolgt das britische Vorgehen am Tsana-See nach diesen Darstellungen keine politischen Zwecke.[1] Ein dort errichtetes Stauwerk solle den Wasserspiegel des Sees nicht über das Niveau des gewohnten Hochwassers anheben. Daher bestehe keine Gefahr für die auf den Inseln gelegenen alten äthiopischen Klöster.[1] Der anglo-italienische Schulterschluss diene nicht dazu, Zwang auf Abessinien auszuüben, sondern verfolge vorrangig das Ziel, dass sich die beiden europäischen Mächte in Addis Abeba nicht mehr gegenseitig behindern.[1]