Nach umfangreichen Vorarbeiten, die bereits im Jahre 1924 in Moskau ihren Anfang nahmen, fand nun in Baku der erste Turkologenkongress seinen Abschluss.[1] Wie die Kölnische Zeitung unter Berufung auf einen Vortrag des Kieler Gelehrten Dr. Theodor Menzel in Konstantinopel berichtet, erwies sich die kaukasische Ölmetropole als idealer Tagungsort.[1] Baku übernahm die Führung, da es durch seine hochentwickelte Industrie und die wohlhabende Arbeiterschaft für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Turkvölker besonders geeignet schien.[1] An den Verhandlungen nahmen 127 Delegierte teil. Darunter waren 82 Vertreter verschiedenster Turkvölker, die entweder dem russischen Staatsverband angehören oder in Anatolien, Persien und China beheimatet sind.[1] Neben russischen Koryphäen wie den Akademikern Barthold und Oldenburg nahmen auch europäische Wissenschaftler teil.[1] Dr. Menzel vertrat offiziell das preußische Kultusministerium. Der bedeutende ungarische Ethnograph Professor Mészáros und der österreichische Gelehrte Dr. Paul Wittek übten ebenfalls großen Einfluss aus.[1]

Die wissenschaftlichen Debatten befassten sich hauptsächlich mit Sprachforschung.[1] Eine von Professor Pachanow geleitete Ausstellung zeigte 57 verschiedene Alphabete, die in der Geschichte für Turksprachen verwendet wurden — von den alten Orchon-Runen bis zu modernen Entwürfen.[1] Den Höhepunkt der Tagung bildete die Abstimmung über eine grundlegende Schriftreform.[1] Mit 101 gegen sieben Stimmen bei neun Enthaltungen nahm der Kongress den Antrag des dagestanischen Präsidenten Korkmasow an, der die allgemeine Einführung der lateinischen Schrift forderte.[1] Die arabische Schrift gilt wegen des Fehlens von Vokalzeichen als ungeeignet für die von Vokalharmonie geprägten Turksprachen.[1] Der Geist der Erneuerung kam in den Worten eines Delegierten zum Ausdruck, der erklärte: „Wenn uns auf dem Wege zum Fortschritt der Prophet hinderlich ist, so sagen wir uns los von ihm, ist Allah uns hinderlich, so sagen wir uns los von ihm; sogar von dem Allerheiligsten, dem arabischen Alphabet, werden wir uns lossagen, wenn es uns hinderlich ist.“[1] Der Kongressvorsitzende Agam Ali Oglu bezeichnete die Abkehr von der arabischen Schrift und die Abschaffung des Kalifats abschließend als die wichtigsten Vorgänge in der neueren Entwicklung der Turkvölker.[1]