Der sogenannte Flaggenzwist entzweit weiterhin die Gemüter in der Republik und führt nicht nur im parlamentarischen Raum, sondern auch in der akademischen Jugend zu heftigen Verwerfungen. In dieser verfahrenen Situation hat ein Schreiben des Reichspräsidenten an den Reichskanzler erhebliches Aufsehen erregt. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, hat das Staatsoberhaupt den Vorschlag unterbreitet, den unheilvollen Zwiespalt durch die Schaffung einer „deutschen Einheitsflagge“ endgültig zu beseitigen.[1] Das Blatt begrüßt diesen Schritt ausdrücklich als eine Erlösung, da der Eingriff des Präsidenten den Strom der Vernunft in den Widerstreit der erhitzten Gefühle zurückleite.[1] Nach Angaben der Zeitung gehen derzeit zahlreiche Einigungsvorschläge bei der Regierung ein, die meist von dem Bemühen um eine vernünftige Lösung getragen seien.[1]
Die Redaktion der Deutschen Allgemeinen Zeitung verweist darauf, dass die schwarz-weiß-roten Farben einst die kleindeutsche Einigung nach 1871 symbolisierten und an sich nichts mit der Monarchie zu tun hätten.[1] Es sei ein staatspolitischer Fehler gewesen, den Flaggenwechsel überhaupt vorzunehmen. Das alte Tuch habe fünfzig Jahre lang das Reich repräsentiert.[1] Besonders die anhaltende Opposition der Auslandsdeutschen, die an den vertrauten Farben festhalten, erhalte dadurch einen politischen Hintergrund.[1] Das Blatt äußert die Hoffnung, dass auf dem Wege wechselseitiger Toleranz ein neues Symbol entstehen könne, das den Staat im In- und Ausland angemessen vertrete.[1]
Wie schnell der theoretische Streit in offene Konfrontation umschlagen kann, zeigte sich derweil auf dem Deutschen Studententag. Laut einem Bericht der Neuen Freien Presse kam es in Bonn zu einem erheblichen Eklat, als der Vorstand der Deutschen Studentenschaft beim Begrüßungsabend neben der schwarz-rot-goldenen Reichsfahne auch die schwarz-weiß-rote Flagge anbringen ließ.[2] Dies geschah gegen den ausdrücklichen Willen der überwiegend republikanisch gesinnten Bonner Studentenschaft. Diese hatte den Saal ursprünglich ausschließlich in den Farben der Republik dekoriert.[2] Der Vorsitzende der Bonner Studenten, der katholische Freistudent Mager, ließ daher vor Beginn der Feier sämtlichen Flaggenschmuck wieder entfernen.[2] Er begründete sein Vorgehen damit, dass die Vertreter der Universität sowie der Stadt Bonn erklärt hätten, sie würden ausschließlich einen in den offiziellen Reichsfarben dekorierten Saal betreten.[2] Daraufhin verließen die völkischen Vertreter unter Protest die Veranstaltung.[2]
Das Nachspiel folgte umgehend. Aus der Neuen Freien Presse geht hervor, dass der Älteste der Deutschen Studentenschaft, der Wiener Student Frank, in der Vormittagssitzung zwei Anträge des Hauptausschusses einbrachte. Diese missbilligten das Vorgehen des Bonner Vorsitzenden aufs Schärfste.[2] Zudem wurde beantragt, dass sich der Deutsche Studententag nicht in der Lage sehe, sich als Gast in Bonn zu fühlen, solange Mager im Amt sei.[2] Für die westdeutschen Hochschulen legte der katholische Verbindungsstudent Krämer zwar ein klares Bekenntnis zur Republik ab, doch wurden die Anträge der völkischen Mehrheit dennoch angenommen.[2] Die Vertreter der Bonner Studentenschaft verließen daraufhin geschlossen den Verhandlungssaal.[2] Die politische Spaltung ergriff schließlich auch die Dozentenschaft. Professor Platz aus Bonn ließ sein angekündigtes Referat entfallen, da er sich mit seiner heimischen Studentenschaft solidarisch erklärte.[2]