In den vaterländischen Kreisen Bayerns vollzieht sich ein unübersehbarer Bruch mit General Erich Ludendorff.[1] Wie aus einer aufsehenerregenden Veröffentlichung der Bayerischen Umschau, eines angesehenen Organs der vaterländischen Verbände in München, hervorgeht, hat der ehemalige Feldherr dort inzwischen jeden politischen Kredit eingebüßt.[1] Die Zeitschrift beklagt in deutlichen Worten einen beispiellosen „politischen Eigendünkel“. Aus ihrer Sicht hat dieser Ludendorff um jegliche vaterländische Besinnung gebracht.[1] Die Besten und Treuesten hätten im Reich wie in Bayern große Hoffnungen auf ihn für den nationalen Wiederaufbau gesetzt. Nun sehe man sich jedoch enttäuscht.[1] Die bayerischen Kreise hatten zu den „üblen Streichen“ des Generals bisher vor allem „aus Scham“ geschwiegen. Sie sehen sich jetzt aber zu einer öffentlichen Stellungnahme gezwungen.[1][2]
Auslöser dieser scharfen Abrechnung sind abfällige Bemerkungen Ludendorffs über das bayerische Königshaus.[1] Der General äußerte, dass Kronprinz Rupprecht niemals König von Bayern und noch weniger Kaiser von Deutschland werden würde.[1][2] Dies nahm man ihm im monarchisch gesinnten Bayern besonders übel. Hinzu kommt, dass die Bayerische Umschau nun einen politisch brisanten Vorgang aus der jüngeren Vergangenheit offenlegt.[2] Dabei ist es in eingeweihten politischen Kreisen Süddeutschlands keineswegs unbekannt geblieben, dass vor einiger Zeit niemand anderes als Ludendorff selbst an den bayerischen Kronprinzen herantrat.[1][2] Der preußische General unterbreitete ihm das ehrgeizige Angebot, ihn anstelle der von Ludendorff als „untauglich“ bezeichneten Dynastie der Hohenzollern als neuen deutschen Kaiser in Betracht zu ziehen.[1][2]
Dieses eigenmächtige Vorgehen stieß jedoch auf unüberwindbaren Widerstand.[1] Kronprinz Rupprecht selbst lehnte das Ansinnen entschieden ab und erinnerte Ludendorff unmissverständlich an dessen alte Verpflichtungen gegenüber dem Hause Hohenzollern.[1][2] Dem Vorwärts zufolge bricht die bayerische Rechte ihr bisheriges Schweigen über Ludendorffs Fehltritte vor allem deshalb, weil es nunmehr um die Ehre ihres „Kini“ geht.[2] Die Folge dieser Enthüllung ist eine beispiellose öffentliche Kritik an dem einstigen Heerführer. Die vaterländischen Kreise rufen in Erinnerung, dass Ludendorff — im Gegensatz zu Generalfeldmarschall von Hindenburg — bei Ausbruch der Revolution eilig ins Ausland entwich.[1] In Anlehnung an das Staatsrecht sprechen sie ihm nun den Status eines „lästigen Ausländers“ zu, den man am liebsten über die Grenzen abschieben würde.[1] Ludendorff sei zu einer „tragischen Figur“ geworden, deren Ruhm sich nun gegen ihn selbst richtet und die eine ständige Gefahr für den inneren Frieden bilde.[1] Das sozialdemokratische Organ fügt dieser bürgerlich-vaterländischen Einschätzung hinzu, dass der General und der bayerische Thronprätendent in ihren weitreichenden politischen Ambitionen einander durchaus ebenbürtig seien.[2]