Die parteiinternen Auseinandersetzungen in der Sowjetunion haben einen neuen, dramatischen Höhepunkt erreicht. Die Oppositionsführer Trotzki und Sinowjew geraten unter dem Druck des stalinistischen Parteiapparates zunehmend in die Defensive. Die Pravda veröffentlichte nun die weitreichenden Beschlüsse des jüngsten Parteiplenums, die eine unmissverständliche Warnung an sämtliche Kritiker der Generallinie darstellen.[1] Jeder Versuch, Fraktionen und oppositionelle Gruppierungen innerhalb der Kommunistischen Partei zu legalisieren, wird scharf verurteilt und als unvereinbar mit der Diktatur des Proletariats bezeichnet.[1] Das offizielle Organ meldet in diesem Zusammenhang die Enthebung Schljapnikows von seinen Pflichten in der Zentralen Kontrollkommission.[1] Den Abweichlern, unter ihnen namentlich Trotzki, Sinowjew und Kamenew, wirft die Parteiführung vor, durch ihre Umtriebe die proletarische Parteidisziplin zu zersetzen und bürgerlichen Elementen Vorschub zu leisten.[1] Die Auseinandersetzung mit der Opposition soll fortan als kompromissloser politischer Kampf geführt werden. Ziel ist es, die uneingeschränkte Geschlossenheit der Organisation zu erzwingen.[1]

Diese unerbittliche Säuberung vollzieht sich parallel zu einer machtpolitischen Zentralisierung, wie sie bislang beispiellos ist. Laut dem Vorwärts offenbart das neue Statut der sowjetischen Staatspartei den tatsächlichen Gehalt der vielgepriesenen Nationalitätenpolitik.[2] Sämtliche leitenden Büros der nationalen Einzelparteien — darunter die ukrainischen und transkaukasischen Organisationen — bedürfen fortan der ausdrücklichen Bestätigung durch das Moskauer Zentralkomitee.[2] Trotz der formalen staatlichen Autonomie der Teilrepubliken festigt die Parteihierarchie damit ein absolutes Abhängigkeitsverhältnis zu Moskau.[2] Die dezentrale Staatsverfassung ist in der Praxis lediglich eine Kulisse für die eiserne Zentralgewalt, die keine eigenständige Entwicklung an den Rändern des Reiches duldet.[2]

Die konsequente Durchsetzung der Diktatur erstreckt sich auch auf die ausländischen Sektionen der Kommunistischen Internationale. Dem Vorwärts zufolge hat das Moskauer Exekutivkomitee dem deutschen Kommunisten Maslow ein scharfes Ultimatum gestellt.[2] Obwohl dessen schwere Erkrankung ärztlich bestätigt wurde, fordert die Zentrale sein sofortiges Erscheinen in Russland, um endgültig über seine Parteizugehörigkeit zu befinden.[2]

Der strikte Kurs gegen die Abweichler steht im Zusammenhang mit den massiven sozialen Spannungen im Land. Unter dem Schlagwort der „sozialistischen Akkumulation“ werden zur Steigerung der Produktionsleistung einschneidende Ausbeutungsmethoden in den Fabriken angewandt.[2] Die frühere betriebliche Mitbestimmung wird immer stärker eingeschränkt, während sich die Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft spürbar verschlechtern.[2] Dies führt zu erheblichem Widerstand in den Betrieben: In Orten wie Bogorodsk und Serpuchow kam es bereits zu spontanen Streiks.[2] Außerdem bildeten sich infolge der akuten Krise der Sozialversicherung in Odessa, Kiew und Jekaterinoslaw bedeutende Arbeitslosendemonstrationen.[2] Die parteiinterne Opposition könnte in diesen unzufriedenen Arbeitermassen einen gefährlichen Rückhalt finden — ein Risiko, das die Parteizentrale nun offenbar im Keim ersticken will.