Die diplomatischen Beziehungen auf dem Balkan stehen erneut im Zeichen einer gefährlichen Krise.[1] Nach ununterbrochenen Beratungen zwischen dem südslawischen Ministerpräsidenten, den zuständigen Ressortchefs und den militärischen Behörden hat die Regierung in Belgrad einen weitreichenden Beschluss gefasst.[1] Auslöser sind die jüngsten Überfälle mazedonischer Banden, der sogenannten Komitadschis, an der jugoslawisch-bulgarischen Grenze. Diese Überfälle hinterließen insbesondere bei Kriwa Palanka blutige Spuren.[1] Der jugoslawische Gesandte in Sofia, Rakic, hat bereits am Wochenende der bulgarischen Regierung einen überaus energischen mündlichen Protest übermittelt.[1] Darin wird eine sofortige Genugtuung sowie die Anwendung der schärfsten Maßnahmen gegen das mazedonische Komitee gefordert.[1] Sollte die Antwort Sofias nicht befriedigen, werde Belgrad weitere Schritte unternehmen.[1]
Dass diese Schritte militärischer Natur sein könnten, zeichnet sich immer deutlicher ab.[2] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, hat die jugoslawische Regierung den militärischen Kommandanten bereits Mobilisierungsorder erteilt. Diese könnten zu einem sofortigen Einmarsch in Bulgarien führen.[2] Der Kriegsminister erklärte unverhohlen, dass er im Falle der Notwendigkeit nicht davor zurückschrecken werde, bei der Verfolgung der Banden die bulgarische Grenze zu überschreiten.[2][3] Die entsprechende diplomatische Note wird gegenwärtig im Belgrader Außenministerium ausgearbeitet; sie stützt sich auf den Bericht des Generals Tomic, der die Untersuchung der Vorfälle in Mazedonien persönlich leitete.[1] Außenminister Nintschitsch hat seinerseits bereits die Großmächte sowie das Völkerbundsekretariat in Genf durch ein Memorandum in Kenntnis gesetzt.[1][2]
Eine besondere politische Brisanz erhielt der Konflikt durch eine aufsehenerregende Rede des Bauernführers Stjepan Raditsch.[1] Laut Berichten der Badischen Presse bezeichnete Raditsch die Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg zwar als übertrieben, stellte jedoch unmissverständlich klar: Wenn die Sofioter Regierung den jugoslawischen Forderungen nicht nachkomme, werde Jugoslawien selbst an der Grenze Ordnung schaffen.[4] Darüber hinaus äußerte Raditsch die Überzeugung, dass hinter den bulgarischen Aktionen eine Großmacht stehe. Diese versuche, auf dem Balkan Wirren hervorzurufen, um — so der Redner wörtlich — „im Trüben fischen zu können“.[4][3] Es sei offenkundig, dass er mit dieser Großmacht Italien meinte, das ein Interesse daran habe, Bulgarien zu ermutigen.[1][4]
In Bulgarien beurteilt man die Lage inzwischen mit Zurückhaltung. Nach Angaben des Harburger Tageblatts verzeichnen die Sofioter Zeitungen die Belgrader Nachrichten ohne große Kommentare. Die Regierung schweigt weiterhin.[3] Die bulgarische Presse vertritt den Standpunkt, dass das Land infolge der durch die Friedensverträge erzwungenen Entwaffnung gar nicht in der Lage sei, die Komitadschiüberfälle auf fremdem Boden wirksam zu unterbinden.[3]
Die tieferen Ursachen des gegenseitigen Misstrauens liegen jedoch nicht allein in den Grenzzwischenfällen, sondern auch in der internationalen Finanzpolitik. Aus der Kölnischen Zeitung geht hervor, dass die neue bulgarische Regierung eine Flüchtlingsanleihe anstrebt. In Belgrad, Athen und Bukarest wuchs dadurch die Sorge, die Gelder könnten für heimliche Rüstungszwecke missbraucht werden.[5] Auf der Konferenz des Kleinen Verbandes in Bled forderten Jugoslawien und Rumänien deshalb einen Sitz in jenem Ausschuss, der die Verwendung dieser Anleihe überwachen soll.[5] Die Kölnische Zeitung berichtet ergänzend, dass mittlerweile auch Rumänien zur Sicherung seiner Grenze beträchtliche Truppen in Marsch gesetzt hat und den Völkerbund von diesen Maßnahmen unterrichten wird.[5]
Bis zu einer Klärung bleibt die Lage gespannt. Das Vorgehen der Truppen wird auch im Ausland sorgfältig verfolgt. Im britischen Unterhaus erklärte der Unterstaatssekretär des Außenamtes, man müsse annehmen, dass jugoslawische Verbände bei einem massiven Grenzübergang mazedonischer Banden den Befehl erhielten, diese bis auf bulgarisches Gebiet zu verfolgen.[1] Vorläufig jedoch will man — gestützt auf die beschwichtigenden Erklärungen aus Sofia — auf eine baldige diplomatische Entspannung hoffen. Auch die italienische Diplomatie ist dem Vernehmen nach im Hintergrund tätig.[5]