Im Rahmen der Aachener Herbsttagung des Verbandes katholischer Akademiker hielt der frühere österreichische Bundeskanzler Prälat Dr. Seipel am Mittwochabend einen vielbeachteten Vortrag über das Thema „Nation und Völkergemeinschaft“.[1] Wie die Kölnische Zeitung meldet, nahm der Altkanzler bereits am Vormittag in Begleitung des Weihbischofs Dr. Straeter an der Vollversammlung teil und wurde dort lebhaft begrüßt.[2] Zu der abendlichen Veranstaltung im neuen Kurhaus war zudem eine große Anzahl von Vertretern der weltlichen und geistlichen Behörden erschienen.[3]
In seinen Ausführungen stellte Dr. Seipel fest, dass der in den Friedensverträgen verankerte Völkerbund zwar der Verwirklichung einer zeitgemäßen Forderung entspreche, die eigentliche Völkergemeinschaft jedoch noch unerreicht bleibe.[4] Nach Angaben des Westfälischen Merkurs betonte der Redner, dem gegenwärtigen Völkerbund fehle das entscheidende Band der Autorität.[3] Entgegen weitverbreiteter Annahmen seien nicht der übermächtige Nationalismus oder die Stärke der Staaten Hindernisse für eine wahre Gemeinschaft. Im Gegenteil, es sei die innere Schwäche und Zerrissenheit der Nationen, die dieser entgegenstünden.[1][3] Eine einzelne Nation sei nicht tragfähig genug, einen Brückenpfeiler auf dem Weg zur internationalen Gemeinschaft zu bilden.[4]
Vielmehr müsse, so führt die Sächsische Staatszeitung aus, zwischen Nation und Völkergemeinschaft zunächst die Volksgemeinschaft treten.[4] Der Neuen Freien Presse zufolge nannte Dr. Seipel vier wesentliche Ursachen, die dieser Einheit entgegenwirken: den Partikularismus einzelner Landesteile, die internationale Klassensolidarität, die Herrschaftsgelüste politischer Parteien und die drastische Ungleichheit der Bildung.[1] Wenn in einer Nation der Partikularismus überhandnehme und die Glieder sich nicht vertrügen, sei es mitunter besser, dass sie auseinandergehen.[1] Die Kämpfe der Stände und Wirtschaftsgruppen dürften niemals so weit geführt werden, dass die Einheit der Nation darunter leidet.[4] Über das heikle politische Problem des Verhältnisses zwischen Deutschland und Österreich äußerte sich der Altkanzler bei dieser Gelegenheit nicht.[1]