Im Zusammenhang mit den jüngsten Verfügungen des Politbüros der Kommunistischen Partei gegen die parteiinterne Opposition haben die personellen Säuberungen nun auch die Rote Armee erreicht.[1] Wie das Harburger Tageblatt meldet, schloss die Sowjetregierung etwa vierhundert Kommandeure aus den Streitkräften aus, die der Gruppe um Grigori Sinowjew nahestehen.[1]
Die Prawda rechtfertigt das harte Vorgehen gegen die Oppositionellen ausführlich und bestätigt die Entfernung Sinowjews aus dem Politbüro. Er verbleibt vorerst jedoch im Zentralkomitee.[2] In scharfen Worten verurteilt das Moskauer Parteiorgan jede Fraktionsbildung als Gefährdung der eisernen Parteidisziplin und brandmarkt die Abweichler als Handlanger kleinbürgerlicher Interessen.[2] Jede Missachtung der Führungslinie, so das Blatt, wirke wie ein Streikbruch gegen das revolutionäre Proletariat.[2] Neben Sinowjew gerät auch Alexander Schljapnikow wegen sogenannter ‚anarcho-syndikalistischer' Tendenzen massiv unter Druck.[2] In der Sowjethauptstadt rechnet man zudem mit dem baldigen Ausschluss Lew Kamenews aus dem Politbüro. Ihm soll stattdessen das rein akademische Protektorat über das Karl-Marx-Institut übertragen werden.[1] Nach Berichten aus ihm nahestehenden Kreisen hält sich Sinowjew derzeit im kaukasischen Gagri am Schwarzen Meer auf.[1]
Die innerrussischen Erschütterungen ziehen darüber hinaus weitreichende Veränderungen im diplomatischen Dienst nach sich. Umfangreiche personelle Umbesetzungen in den politischen Vertretungen im Ausland werden erwartet, insbesondere in Paris, Peking und Korea.[1] Währenddessen traf der sowjetische Botschafter Christian Rakowski per Flugzeug wieder auf seinem Posten in Paris ein.[3] Den Ernst der Lage unterstreicht der Pariser Temps, der unter Berufung auf die Berliner Presse konstatiert, dass das sowjetische Regime gegenwärtig die bedrohlichste Krise seit seiner Gründung durchlaufe.[3]