Einer jungen Amerikanerin ist am heutigen Tage ein beispielloser sportlicher Triumph gelungen. Gertrude Ederle hat als erste Frau in der Geschichte den Ärmelkanal durchschwommen und dabei zur allgemeinen Verblüffung eine neue Rekordzeit aufgestellt.[1] Dem Evening Star zufolge erreichte sie erfolgreich die britische Küste bei Dover, nachdem sie in den Stunden zuvor gegen widrige Wetterbedingungen und schwere See angekämpft hatte.[1]
Die historische Unternehmung nahm ihren Anfang unter zunächst vielversprechenden Vorzeichen auf der französischen Seite. Laut der Washington Post verließ der Schlepper Alsace bereits um 4:50 Uhr am Morgen den Hafen von Boulogne, um Kurs auf die Landspitze Cap Gris-Nez zu nehmen.[2] Auf diesem Begleitschiff befanden sich neben Ederles Vater und ihrer Schwester auch ihr Trainer, der erfahrene Kanalschwimmer William Burgess; das Schiff war mit Proviant, einer Ersten-Hilfe-Ausrüstung und Telegrafieanlagen ausgestattet.[2] Der Vater hatte zuvor einen großen Vorrat an Schmierfett und anderen Materialien angelegt, um den Körper der Tochter vor dem eiskalten Wasser zu schützen.[2]
Die Witterungsverhältnisse galten am Morgen als günstig, sodass langjährige Beobachter Miss Ederle drängten, keine Zeit mehr zu verlieren.[2] Ein weiterer Anlass für den frühen Aufbruch war die direkte Konkurrenz: Auch Lillian Cannon, eine weitere amerikanische Schwimmerin, hielt sich an der Küste bereit, um den Versuch einer Überquerung zu wagen.[2] Beide Lager hüteten ihre genauen Pläne mit strengster Geheimhaltung.[2] Da die Konkurrentin möglicherweise noch vor Morgengrauen aufbrechen und ihr so den Ruhm der ersten Frau im Kanal streitig machen konnte, sah sich Ederle gezwungen, das Vorhaben ohne weitere Verzögerung in Angriff zu nehmen.[2] Ihr Trainer bescheinigte ihr vor dem Start eine ausgezeichnete physische Verfassung, bemerkte jedoch zugleich eine gewisse Nervosität.[2]
Während der Kanal zu Beginn noch ruhig lag, schlug das Wetter am Nachmittag auf offener See dramatisch um. Als Ederle noch etwa sechs Meilen von Dover entfernt war, verwandelte ein stürmischer Gegenwind das Wasser in eine aufgewühlte See.[1] Der Evening Star berichtete ausführlich, wie die Schwimmerin ununterbrochen gegen meterhohe Wellen ankämpfen musste, die ihr fortwährend ins Gesicht schlugen.[1] Beobachter auf dem Schlepper bezeichneten die Verhältnisse bald als die schlechtesten, die je bei einem Versuch der Kanalüberquerung verzeichnet worden seien.[1]
In dieser kritischen und kräftezehrenden Phase kam es zu einem Wortwechsel zwischen der Schwimmerin und ihrem Betreuerstab an Bord der Alsace. Angesichts der tosenden See und besorgt um das Leben seines Schützlings forderte Trainer Burgess die Schwimmerin mit Nachdruck auf, das Wasser sofort zu verlassen und den Versuch abzubrechen.[1] Ederle leistete dieser Aufforderung jedoch energischen Widerstand und soll darüber hinaus auf die Aufforderung zur Aufgabe lediglich gelacht haben.[1] Ihr Vater unterstützte sie in diesem entscheidenden Moment und bekräftigte ihren Entschluss, den Kampf gegen die Naturgewalten bis zum Ende fortzusetzen.[1] Durch diese Willenskraft trotzte sie den Elementen, sicherte sich den Ruhm der ersten Frau und vollendete die Durchquerung des Ärmelkanals zudem schneller als alle Männer vor ihr.[1]