Die Verordnung des polnischen Staatspräsidenten zur Neuordnung der obersten Kommandostellen ist in Kraft getreten.[1] Wie das Hamburger Echo berichtet, befasste sich der Ministerrat auf Grundlage des jüngsten Vollmachtengesetzes eingehend mit dieser weitreichenden militärischen Umstrukturierung.[2] Ziel der Reform ist es, dem künftigen Heerführer die größtmögliche Unabhängigkeit von zivilen Regierungsorganen zu sichern.[2] Der neu geschaffene Generalinspekteur des Heeres — ein Amt, das Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski) in Kürze übernehmen soll — soll nahezu diktatorische Vollmachten erhalten.[1][2] Während der Staatspräsident formal oberster Kriegsherr bleibt, beschränken sich seine Befugnisse faktisch auf rein dekorative Vorrechte.[2] Alle wesentlichen Personalfragen sowie das Oberkommando im Frieden und im Kriege unterstehen fortan dem Generalinspekteur, dem auch der Generalstab unmittelbar unterstellt ist.[1][2]

Diese Machtkonzentration bildet vorläufig den Abschluss des militärischen Umsturzes vom Mai. Die rechtsgerichteten Kreise um Roman Dmowski verzichteten auf eine offene Gegenrevolution, da Pilsudski die Verfassung rasch wieder in Kraft setzte und die galizischen Anhänger der Nationaldemokraten fernblieben.[3] Dem Westfälischen Merkur zufolge verlegt die Opposition ihren Widerstand nun auf das außenpolitische Feld.[3] Die nationaldemokratische Presse verbreitet Meldungen, das neue Regime strebe einen englandfreundlichen Kurs an und lasse sich durch britische Anleihen für einen möglichen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion rüsten.[3]

Das Lager um Pilsudski sucht nach einer pragmatischen Neuorientierung. In Warschau erkennt man, dass der bisherige Verbündete Frankreich finanziell geschwächt ist, während Deutschland durch amerikanisches Kapital wirtschaftlich erstarkt.[3] Außenminister Zaleski betonte jüngst, Polen wolle „mit allen seinen Nachbarn in ehrlichem Frieden leben“.[3] Der baldige Abschluss eines deutsch-polnischen Handelsvertrags gilt der neuen Regierung als wichtiger Schritt in der Außenpolitik, auch wenn Zaleski bekräftigte, in Genf entschlossen um einen ständigen Sitz im Völkerbundrat kämpfen zu wollen.[3]