Die wirtschaftliche Neuordnung Europas hängt in zunehmendem Maße von den Kapitalflüssen aus den Vereinigten Staaten ab. Dabei mehren sich jedoch die warnenden Stimmen, die vor einer unbedachten Vergabe amerikanischer Kredite an den europäischen Kontinent abraten. Wie die Neue Freie Presse berichtet, rückt insbesondere die Gefahr einer künstlichen Überproduktion in den Mittelpunkt der finanziellen Betrachtungen.[1]
Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht äußerte sich in diesem Zusammenhang mit großer Offenheit zu den Risiken der gegenwärtigen Finanzpolitik. Er mahnte amerikanische Geldgeber und Bankiers zur Vorsicht: Es sei unvernünftig, Kapital an europäische Konzerne zu verleihen, deren Herstellungskosten übermäßig hoch seien.[1] Wenn diese Regel missachtet werde, würden die amerikanischen Finanzhäuser ihre Einlagen gefährden und das europäische Wirtschaftschaos nur noch weiter verschärfen.[1] Die eigentliche Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland — Schacht spricht von zwei Millionen Erwerbslosen — sieht der Reichsbankpräsident im Verlust angestammter Märkte und in der künstlich angefachten Überproduktion der Nachbarstaaten.[1]
Die ungesunden Verhältnisse in Mitteleuropa bedrohen laut Schacht auch die Reparationszahlungen. Selbst die Barzahlungen auf Grundlage des Dawes-Planes könnten „in Nebel verflüchtigen“, falls keine durchgreifende Besserung der Lage eintrete.[1] Einer neuen Inflation erteilte er eine entschiedene Absage. Auf die Frage, wie eine erneute Geldentwertung verhindert werden solle, erklärte er unmissverständlich: „Indem ich niemals mehr Mark emittieren werde, als ich decken kann.“[1] Zwar halte dies den Notenumlauf klein und beschränke die Kreditmittel für den Handel, doch sei dies erforderlich.[1] Der Umstand, dass das Land Rohmaterial in fremder Währung einkaufen müsse, während mangelnde Ausfuhr den Bestand an dringend benötigten Devisen verringere, lasse keinen Spielraum für geldpolitische Experimente.[1]
Wie sehr amerikanisches Kapital inzwischen auch als Rettungsanker für soziale Krisen in Europa gesucht wird, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Die Washington Post meldet, dass eine Delegation britischer Arbeiterführer in Washington eingetroffen ist, mit dem Ziel, finanzielle Unterstützung für die streikenden Bergarbeiter zu erhalten.[2] Die Abgesandten haben sofort Beratungen mit William Green, dem Präsidenten der amerikanischen Arbeiterföderation, aufgenommen, um eine landesweite Spendenkampagne ins Leben zu rufen.[2]
Der Arbeitskampf der englischen Bergleute dauert nunmehr über drei Monate an und hat zu kritischen Bedingungen für mehr als eine Million Arbeiterfamilien geführt.[2] Der Delegation, die einen einmonatigen Aufenthalt plant, gehören unter anderem der langjährige Gewerkschaftsführer Ben Tillett sowie Ellen Wilkinson an.[2] Letztere vertritt die Gewerkschaft der Handelsangestellten und zog als erste Frau für die Arbeiterpartei in das Londoner Unterhaus ein.[2] Den Berichten aus der amerikanischen Hauptstadt zufolge sollen nun Versammlungen der dortigen Gewerkschaften dazu dienen, die Not im britischen Kohlenrevier durch amerikanische Dollar-Spenden zu lindern.[2]