In den kommenden Tagen — voraussichtlich um den 12. August — steht ein bedeutendes wirtschaftliches Ereignis bevor: die Unterzeichnung eines Vertrags, der die Eisenwirtschaft Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Luxemburgs und des Saargebiets auf eine neue vertragliche Grundlage stellt.[1] Die Kölnische Zeitung berichtet, dass diese umfassende Vereinbarung die Erzeugungsmengen verbindlich regeln und die Belieferung der Inland- und Auslandmärkte vorteilhaft aufeinander abstimmen soll.[1] Von diesem Schritt versprechen sich die beteiligten Wirtschaftsführer nicht nur eine Mehrbeschäftigung und die Herabsetzung von Unkosten, sondern auch eine spürbare Verbilligung der Preise.[1]

Die deutschen Vorarbeiten für dieses ehrgeizige Projekt gehen auf die Gründung der Vereinigten Stahlwerke am 14. Januar dieses Jahres in Düsseldorf zurück.[1] Dieser beispiellose Zusammenschluss diente dem Zweck, unrentable Betriebe aus der Schwerindustrie auszuscheiden und die Wirtschaftlichkeit drastisch zu steigern.[1] Dass dieser harte Genesungsprozess eine Arbeitslosigkeit von landesweit zwei Millionen Menschen nach sich gezogen hat, ist der bittere Preis der unumgänglichen Rationalisierung.[1] Das Endziel der Industrie ist jedoch klar formuliert: Der geplante Eisenpakt soll der deutschen Wirtschaft jene starke Stellung auf dem Weltmarkt sichern, die in den vergangenen Jahren verloren ging.[1] Während die deutsche Ausfuhr von Großeisenerzeugnissen gegenüber der Vorkriegszeit auf weniger als die Hälfte gesunken war, hatte die belgische Industrie ihren Export verdreifacht und die französische ihn gar versiebenfacht.[1] Erste Vorläufer solcher grenzüberschreitenden Abkommen zeigen bereits Erfolge. Infolge einer Verständigung mit den französisch-belgischen Röhrenwerken konnten auf dem Auslandmarkt zuletzt durchweg bessere Preise erzielt werden.[1]

Die Bedeutung der neuen Abmachung reicht weit über eine reine Handelsangelegenheit hinaus.[1] Es zeigt sich nun, dass die Privatwirtschaft im Begriff ist, die deutsch-französischen Erz- und Eisenstreitigkeiten beizulegen.[1] Auf diese Weise gelingt es der Schwerindustrie, die geografischen Bestimmungen des Versailler Vertrags auf wirtschaftlichem Wege auszugleichen.[1] Nach Jahren politischen Versagens deutet sich über dem Rhein ein überraschendes, wenn auch noch zaghaftes europäisches Gemeinschaftsgefühl an.[1] Die Politiker müssen nun hinnehmen, dass die vernünftige Wirtschaft das Heft des Handelns übernimmt und der politischen Befriedung vorarbeitet.[1]

Die Reaktionen im Ausland fallen unterschiedlich aus.[1] Zwar wurden in London bereits pessimistische Stimmen laut, welche befürchteten, England werde eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich niemals dulden, da die britische Weltmachtstellung auf diesem Gegensatz beruhe.[1] Demgegenüber äußerten maßgebliche britische Wirtschaftsführer jedoch, dass sie in dem Pakt keineswegs eine Bedrohung der eigenen Industrie erblicken.[1] Vielmehr betrachten sie das Vorhaben in erster Linie als eine Angelegenheit des europäischen Festlands.[1] Sie vertreten sogar die Ansicht, dass der kontinentale Zusammenschluss den Weg für eine spätere internationale Gruppierung unter britischer Beteiligung überhaupt erst freimache.[1]