Die moderne japanische Staatsform hat bei ihrer Durchsetzung die aus dem Mittelalter überkommenen Stände mit bemerkenswerter Konsequenz niedergeworfen.[1] Wie das Berliner Tageblatt aus Tokio meldet, sind die ehemals weitreichenden Vorrechte der Samurai heute vollkommen beseitigt.[1] An die Stelle des alten Schwertadels ist eine neue Geldaristokratie getreten, die das Land in allen Bereichen dominiert.[1] Die einst mächtigen Fürsten und die Samurai, die immerhin ein Zehntel der japanischen Bevölkerung ausmachten, wurden rücksichtslos enteignet. Damit sollte der ökonomische Nährboden für Gegenrevolutionen beseitigt werden.[1] Japan hat sich somit vom Ständestaat zu einem scharf ausgeprägten Klassenstaat gewandelt.[1]
Eine schwerwiegende gesellschaftliche Verlegenheit bildet jedoch weiterhin das Problem der sogenannten Eta.[1] Etwa drei Millionen Menschen — also jeder neunzehnte Japaner — gehören dieser Minderheit an. Sie leben in ländlichen Gebieten streng abgeschieden in eigenen Vierteln.[1] Die historische Ursache dieser Ausgrenzung liegt Jahrhunderte zurück: Die Eta sind die Nachkommen derer, die in alten Zeiten das Gewerbe der Schlächter, Gerber und Lederarbeiter ausübten.[1] Da die Tiertötung orthodoxen buddhistischen Anschauungen widersprach, galten diese Berufe als unrein.[1] Obwohl heute ganz Japan Rindfleisch isst und Milch trinkt, bleibt der historische Makel an den Nachfahren haften.[1]
Das Wort „eta“ bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch schlicht „dreckig“.[1] Wird ein Kind auf der Straße derart beschimpft, führt dies nicht selten zu blutigen Prügeleien ganzer Dorfgemeinschaften.[1] Zwar hat das japanische Staatsrecht alle Standesunterschiede formal aufgehoben, doch die Tradition erweist sich als stärker als das Gesetz.[1] In der großstädtischen Gesellschaft, an den Universitäten und in der Industrie ist die Diskriminierung weitaus weniger spürbar.[1] Offiziersränge im Heer bleiben den Betroffenen jedoch faktisch verschlossen. Im höheren Beamtentum können sie immerhin bei verheimlichter Herkunft aufsteigen.[1]
Angesichts der staatlichen Untätigkeit auf dem Land haben die Betroffenen zur Selbsthilfe gegriffen und den Verband Sutscheischa — zu Deutsch etwa Wasserspiegel-Gesellschaft — gegründet. Dieser strebt eine völlige gesellschaftliche Nivellierung an.[1] Laut dem Berliner Tageblatt hat sich diese Organisation nicht nur der Erziehung, sondern auch dem aktiven Schutz gegen Tätlichkeiten gewidmet.[1] Es kam zu regelmäßigen Zusammenstößen mit völkischen Vereinen, die von der Regierung im Zuge des Aufbaus einer faschistischen Bewegung gegen den Sozialismus gedeckt wurden. Daraufhin radikalisierte sich die Sutscheischa zunehmend.[1] Obwohl die Wohnviertel der Kaste durch relativem Wohlstand und Gepflegtheit auffallen und ihre Bewohner keineswegs arme Proletarier sind, wird die diskriminierte Gruppe durch die fortgesetzte staatliche Schikane nun in das sozialistische Lager gedrängt.[1]