Die inneren Spannungen in der Sowjetunion haben einen kritischen Punkt erreicht, an dem sich die erste tatsächliche Spaltung der Kommunistischen Partei seit ihrer Machtübernahme vor neun Jahren abzeichnet.[1] Wie der amerikanische Evening Star in einem Bericht aus Paris meldet, hat Leo Trotzki erneut die Führung der radikalen Kräfte in Russland übernommen.[1] Er verdrängt damit Grigori Sinowjew aus der Rolle des Oppositionsführers.[1] Zwar hatte Sinowjew den Widerstand gegen das gemäßigtere Zentralkomitee, welches die staatliche Maschinerie kontrolliert, anfänglich formuliert. Doch die Bewegung ist innerhalb weniger Tage zu einer so ernstzunehmenden Kraft herangewachsen, dass Sinowjew sich der überlegenen Führernatur Trotzkis beugen musste.[1]
Im Mittelpunkt dieses erbitterten Streits steht ein tiefgreifender ideologischer Konflikt.[1] Auf der einen Seite formieren sich die von Trotzki geführten Radikalen, die unerbittlich an der Doktrin einer ständigen Revolution festhalten.[1] Auf der anderen Seite steht der Regierungsapparat unter der Kontrolle von Nikolai Bucharin. Dessen vorrangiges Ziel ist es, eine proletarische Republik durch die Erhaltung und Festigung der gegenwärtigen Staatsmaschine zu etablieren.[1] In den vergangenen Monaten hatte Sinowjew im Geheimen mehrere Flugschriften verbreitet, in denen er die Führung der Kommunistischen Partei durch Männer wie Bucharin und Josef Stalin scharf angriff und sie als „kleinbürgerlich“ brandmarkte.[1]
Die Schriften haben besonders bei den Soldaten und Matrosen in Kronstadt, die traditionell den revolutionärsten Teil der russischen Armee und Flotte bilden, einen starken Eindruck hinterlassen.[1] Nach Einschätzung politischer Beobachter sind diese Truppen nun empfänglich für Trotzkis Führung, falls er sich entschließt, sie in eine bewaffnete politische Opposition zu führen.[1] Bislang deutet jedoch nichts zwingend darauf hin, dass Trotzki die Gemäßigten mit Waffengewalt bekämpfen will. Sein vornehmliches Ziel scheint nach wie vor die absolute Herrschaft über die Partei zu sein.[1]
Die Krise wird von einer Vielzahl dramatischer, aber schwer überprüfbarer Gerüchte flankiert. Dem Evening Star zufolge wurde Karl Radek, der Trotzkis radikale Haltung nachdrücklich unterstützt, in Moskau verhaftet.[1] Weit sensationeller sind die Meldungen, die derzeit in den Staaten an den Grenzen der Sowjetunion kursieren. Aus der Neuen Freien Presse geht hervor, dass in Bukarest Berichte über einen „weißen“ Aufstand in der Ukraine eingetroffen seien.[2] Die sowjetischen Truppen sollen sich angeblich Schritt für Schritt vor den Gegenrevolutionären zurückziehen.[2] Die Erhebung habe sich bis an das Schwarze Meer ausgedehnt und sogar die Schwarzmeerflotte erfasst.[2] Mehrere Städte auf der Halbinsel Krim seien bereits von aufständischen Kriegsschiffen bombardiert worden.[2] Die Moskauer Regierung habe daraufhin eine allgemeine Mobilisierung angeordnet, was große Panik ausgelöst habe. Nur die Luftflotte stehe noch geschlossen auf der Seite der Sowjets.[2]
Noch weiter gehen die Berichte der Kopenhagener Zeitung Politiken, nach deren Angaben in Leningrad und Kronstadt eine offene Militärrevolte unter der direkten Führung Trotzkis ausgebrochen sei.[2] Die Aufständischen hätten sämtliche Regierungsgebäude besetzt, und Stalin sei erschossen worden.[2] Die Redaktion der Neuen Freien Presse mahnt jedoch zur äußersten Vorsicht bei der Bewertung dieser alarmierenden Depeschen.[2] Berichte über Gegenrevolutionen und Militärrevolten seien mit größter Zurückhaltung zu beurteilen, da seit dem Tod Feliks Dscherschinskis und dem Sturz Sinowjews beständig die unterschiedlichsten Gerüchte über die tatsächliche Lage in Russland umlaufen.[2]
Die tatsächliche Machtfrage im Kreml bleibt weiterhin unübersichtlich. Der Tod Dscherschinskis vor rund vierzehn Tagen in Moskau ist nach wie vor nicht aufgeklärt.[1] Er war derjenige, der am ehesten in der Lage gewesen wäre, die Situation für die sowjetische Mehrheit zu beherrschen.[1] Sein Nachfolger Wjatscheslaw Menschinski erhielt zwar den ausdrücklichen Befehl, jeden Kommunisten zu verhaften, der außerhalb der vom Rat der Volkskommissare erteilten Anweisungen politisch aktiv wird.[1] Es erscheint jedoch mehr als zweifelhaft, ob Menschinski es wagen wird, Trotzki selbst zu belang en.[1] Vielfach wird erwartet, dass Trotzki stattdessen zum Präsidenten der Dritten Internationale ernannt werden könnte, da er die rote Flagge kompromisslos hochhält.[1]
So beginnt für Russland eine neue Zeit innerer Unruhe. Es bleibt abzuwarten, ob die staatliche Mehrheit Trotzki wie schon einmal kaltstellen kann.[1] Damals musste der radikale Führer die Kontrolle über die Armee abgeben und für Monate aus der Politik zurücktreten.[1] Heute stellt sich für die internationale Diplomatie die Frage, ob sich im Moskauer Apparat noch jemand findet, der diesen Vorgang ein weiteres Mal durchzuführen vermag.[1]