Der ehemalige französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der im Lande noch immer als „Vater des Sieges“ verehrt wird, hat sich in einem offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge gewandt.[1] In diesem Dokument, das durch die Nachrichtenagentur Havas verbreitet wurde und in seiner Schärfe kaum seinesgleichen sucht, greift der hochbetagte Politiker massiv in die Debatte um die Regelung der interalliierten Kriegsschulden ein.[2] Er legt dar, dass die Meinungsverschiedenheiten in der Schuldenfrage zwischen den im Weltkrieg alliierten Ländern geeignet sind, die zukünftigen Beziehungen der gesamten zivilisierten Welt ernsthaft zu gefährden.[3]

Clemenceaus Hauptangriff richtet sich gegen die Behandlung der französischen Kriegsschulden als bloße Handelsangelegenheit.[3] „Wir sind Schuldner und Ihr seid Gläubiger“, schreibt Clemenceau und fragt rhetorisch, ob es sich dabei wirklich um eine reine Kassenangelegenheit handle oder ob nicht vielmehr weitere Gesichtspunkte erwogen werden müssten.[3][4] Dem Hamburger Echo zufolge wirft er den Amerikanern eine unnachgiebige Haltung vor und betont, die französische Schuld sei nicht geschäftlichen, sondern politischen Ursprungs.[2] Wenn die Nationen nur Geschäftshäuser wären, so der ehemalige Premierminister, dann würde das Schicksal der Welt allein durch Banknoten geregelt.[3] Amerika verlange von Frankreich die Zahlung einer Kriegsschuld in dem genauen Wissen, dass die französischen Kassen leer seien.[3][5]

Besonders scharfe Worte findet „der Tiger“ für den Separatfrieden, den die Vereinigten Staaten nach dem Kriege mit Deutschland schlossen.[2] Dieser Vertrag sei ohne den geringsten Versuch einer Abstimmung mit den Waffenbrüdern ausgehandelt worden und gleiche dem russischen Separatfrieden von Brest-Litowsk.[6][1] Nach dem Frieden des Blutes mit dem gemeinsamen Feind wolle man nun einen Frieden des Geldes mit den ehemals verbündeten Mächten erzwingen.[6][1] Die endlosen Reihen der französischen Toten seien, so Clemenceau, eine Bankrechnung, die sehr wohl mit den finanziellen Forderungen Amerikas einen Vergleich aushalten könne.[2] Clemenceau warnt zudem, dass die geplanten Regelungen — gemeint ist offenkundig das amerikanisch-französische Schuldenabkommen — lediglich auf fiktive Fälligkeitstermine hinausliefen.[3][1] Das eigentliche Ziel sei, Frankreich Hypotheken auf sein Territorium aufzuzwingen, ähnlich wie es einst gegenüber der Türkei geschah.[3][1] Er schließt diesen Gedanken mit dem eindringlichen Satz: „Frankreich ist nicht zu verkaufen, nicht einmal an seine Freunde.“[3][4]

Auch die Politik Großbritanniens bleibt von Kritik nicht verschont. Die englische Kontinentalpolitik habe bisher hauptsächlich darin bestanden, die europäischen Nationen gegeneinander auszuspielen, um auf diese Weise Gelegenheiten für eigene Interventionen zu erhalten.[3][4] Nun fürchtet Frankreich, dass auch die Vereinigten Staaten diese alte Politik übernehmen könnten.[1] Abschließend wirft Clemenceau die polemische Frage auf, ob denn die „Lüge von den deutschen Reparationen“ dazu dienen müsse, Geld in die Kassen Amerikas zu leiten, statt im Granatenregen noch einen Verwaltungsrat der Kriegsnutznießer einzuberufen.[6][2]

Der Zeitpunkt dieses unerwarteten Vorstoßes ist nicht zufällig gewählt. Die französische Regierung unter Ministerpräsident Raymond Poincaré steht vor massiven innenpolitischen Hürden. Während Poincaré bisher bei seinen Vorhaben zur Sanierung der Finanzen erfolgreich schien, ist nun ein deutliches Innehalten in der Frage der Schuldenratifizierung zu beobachten.[5] Gegen das Schuldenabkommen gibt es im Kabinett entschiedenen Widerstand.[5] Poincaré verhehlt die Schwierigkeiten nicht, die dadurch entstanden sind, dass er das Abkommen vorerst nicht ratifizieren lassen konnte.[6] Die Nationalversammlung in Versailles wird zwar zusammentreten, um die Amortisationskasse verfassungsrechtlich abzusichern. Doch bleibt die Stabilisierung des Franken ohne eine Lösung des interalliierten Schuldenproblems blockiert.[6] Die rechte Opposition hatte in der Vergangenheit sogar gehofft, Clemenceau wieder mit diktatorischen Vollmachten auszustatten oder ihn als außerordentlichen Botschafter nach Washington zu entsenden.[6] Man glaubte in diesen Kreisen, mit der Autorität Clemenceaus einen Umschwung herbeiführen zu können, ähnlich wie im Krisenjahr 1917.[6]

In der Pariser Presse findet der Brief ein geteiltes, teils sehr kritisches Echo. Während das Petit Journal das Vorgehen in Schutz nimmt, zeigt sich die Mehrheit der Blätter zurückhaltend oder offen ablehnend.[6] Aus dem Figaro geht hervor, dass Clemenceau lediglich die moralischen Aspekte des Weltkonflikts in Erinnerung rufen wollte, denn niemand in Frankreich ignoriere, was das Land Amerika schulde.[7] Der Matin, der seit dem Waffenstillstand häufig gegen Clemenceau polemisiert hat, übt hingegen scharfe Kritik.[3] Das Blatt erklärt, Clemenceau sei für ein solches Manifest am ungeeignetsten, da er selbst die Hauptschuld an jenem mangelhaften Frieden trage, der den Krieg beendete.[3][6] Auch der Gaulois bezweifelt, dass ein derartiges Eingreifen gerade jetzt angemessen sei, da ein neues Kabinett der nationalen Einigkeit um Vertrauen werbe.[6]

In den Vereinigten Staaten stieß der Appell auf eine zurückhaltende und abweisende Reaktion. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, erhielt Präsident Coolidge in Plymouth in der Nacht durch Pressemeldungen Kenntnis von dem Schreiben.[8] Im Umfeld des Präsidenten wird nach Angaben der Neuen Freien Presse erklärt, die amerikanische Regierung beabsichtige, die Beziehungen zum französischen Volk ausschließlich auf den üblichen diplomatischen Wegen aufrechtzuerhalten.[3] Coolidge vertrete den Standpunkt, dass die Verhandlungen über die Regelung der französischen Kriegsschulden abgeschlossen seien.[3]