Im Journal officiel sind die neuen Finanzgesetze der Regierung Poincaré verkündet worden.[1] Im Zentrum stehen die Schaffung einer autonomen Amortisationskasse zur Schuldentilgung sowie die Ermächtigung der Bank von Frankreich zum Ankauf ausländischer Devisen.[1] Um der Amortisationskasse weitreichende verfassungsrechtliche Garantien zu verleihen, treten Senat und Abgeordnetenkammer am morgigen Dienstag als Nationalversammlung im Schloss von Versailles zusammen.[1] Die vorherigen isolierten Abstimmungen in beiden Häusern lieferten deutliche Mehrheiten: Der Senat stimmte mit 267 gegen 16 Stimmen zu, die Kammer mit 395 gegen 131 Stimmen.[1]
Zur Konsolidierung der Währung trägt auch ein formelles Abkommen zwischen Finanzminister Raymond Poincaré und dem Notenbankgouverneur Émile Moreau bei.[1] Wie der Temps meldet, überträgt der Staat den noch ungenutzten Restbetrag der amerikanischen Morgan-Anleihe aus dem Jahr 1924 in Höhe von rund 30,8 Millionen Dollar an die Bank von Frankreich.[1] Der Übernahmepreis wurde auf 30,18 Francs pro Dollar festgelegt.[1]
In der Kammer stieß die Einberufung der Nationalversammlung teilweise auf Kritik. Der Abgeordnete Paul Bastid bestritt die Notwendigkeit einer derart feierlichen Weihe. Sozialistische Redner wollten die Gelegenheit hingegen für eine weitreichende Verfassungsreform nutzen.[1] Poincaré wies dies jedoch entschieden zurück. Die Regierung verfolge ausschließlich das Ziel, dem In- und Ausland Einigkeit zu demonstrieren und das finanzielle Rettungswerk abzusichern.[1]
Überschattet wird die innenpolitische Konsolidierung von der ungelösten interalliierten Schuldenfrage. Für massives Aufsehen sorgt ein offener Brief des ehemaligen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau an den amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge.[2][3] Clemenceau beklagt, dass man Frankreich wie einen kommerziellen Schuldner behandle, und argwöhnt, dass Amerika eine Hypothek auf das französische Hoheitsgebiet anstrebe — ähnlich wie in der Türkei.[1][2] Er erklärt unmissverständlich: „Frankreich steht nicht zum Verkauf, auch nicht für seine Freunde.“[2] Nach Angaben des Evening Star stärkt dieses Vorgehen den französischen Widerstand gegen das Bérenger-Mellon-Abkommen, was eine baldige Ratifizierung unwahrscheinlich macht.[3] Allerdings übt der Matin Kritik: Stéphane Lauzanne wirft Clemenceau vor, die ohnehin heikle Schuldenangelegenheit durch seine publizistische Anklage gegen Amerika unnötig zu verschärfen.[3] Präsident Coolidge betrachtet das Schreiben unterdessen als rein inoffiziell.[3]