Der ehemalige französische Ministerpräsident Georges Clemenceau hat sein langjähriges politisches Schweigen gebrochen, um in einem offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge eine moralische Revision der interalliierten Kriegsschulden zu fordern. Die dramatische Intervention des greisen „Tigers“ hat diesseits und jenseits des Atlantiks eine Schockwelle ausgelöst. Während Clemenceau an die gemeinsamen Opfer der Kriegsjahre erinnert, besteht Washington nachdrücklich auf der Einhaltung unterzeichneter Finanzabkommen.

In Plymouth im Bundesstaat Vermont, wo der amerikanische Präsident derzeit seine Sommerfrische verbringt, erfolgte die Reaktion auf den Appell aus Paris umgehend, jedoch betont sachlich und distanziert.[1][2] Ein Sprecher des Weißen Hauses gab bekannt, dass Clemenceaus Schreiben keinen Einfluss auf die Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber Frankreich habe.[1] Nach Angaben des Figaro betrachtet Präsident Coolidge die Verhandlungen über die Kriegsschulden als beendet.[1] Offiziell seien die Gespräche mit der Unterzeichnung des Abkommens Bérenger-Mellon im vergangenen April abgeschlossen worden.[1] Für den Fall, dass Änderungen an den Klauseln gewünscht werden, müsse die Initiative vom amerikanischen Senat oder vom französischen Parlament ausgehen, da beide Gremien den Vertrag noch nicht ratifiziert haben.[1] Die amerikanische Regierung betonte, dass etwaige neue Gespräche ausschließlich über den regulären diplomatischen Weg der akkreditierten Vertreter zu führen seien, womit dem Brief Clemenceaus jeder offizielle Charakter abgesprochen wird.[2][3]

Wie die Washington Post berichtet, zeigten sich hohe Regierungsbeamte in der amerikanischen Hauptstadt überrascht über den Brief.[4] Dort befürchtet man, dass die französischen Bemühungen um eine Annullierung der Schulden neuen Auftrieb erhalten und die Versuche des Kabinetts Poincaré, das Washingtoner Abkommen rasch zu ratifizieren, behindert werden könnten.[4] Im amerikanischen Finanzministerium unter Secretary Mellon wird betont, dass Clemenceau selbst einen beträchtlichen Teil der Kredite für Frankreich aushandelte und sich feierlich zur Zahlung von fünf Prozent Zinsen verpflichtete.[4] Das oft vorgebrachte Argument des französischen „Blutgeldes“ wird in Washington nicht anerkannt.[4] Beamte weisen darauf hin, dass Frankreich unter dem über 62 Jahre gestreckten Abkommen lediglich die Summen zurückzahlt, die es sich nach dem Krieg geliehen hatte.[4] Darüber hinaus beläuft sich allein die kommerzielle Schuld für amerikanische Heeresbestände, die Frankreich 1919 kaufte, auf 407 Millionen Dollar.[4]

Die Pariser Presse spiegelt indessen die innere Zerrissenheit Frankreichs wider. Das Le Temps widmet sich in einer ausführlichen Analyse dem tiefen Missverständnis, das seit dem Waffenstillstand zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich besteht.[3] Frankreich sieht die Wurzeln seiner Schuld inmitten seiner Toten, Verwundeten und Opfer.[3] Die Vereinigten Staaten hingegen rechnen nüchtern nach ihren Interessen.[3] Wenn die Amerikaner ihre Rechnung vorlegen, ruft Frankreich: „Das ist eine Bankiersrechnung!“[3] Verwiese Frankreich jedoch auf gemeinsam verbrachte Stunden des Ruhms, entgegnen die Amerikaner: „Das sind bloße Träumereien; Ruhm ist das eine, Schuld das andere.“[3] Frankreich versuche, das Unwägbare — seine Blutopfer — in Zahlen auszudrücken, während Amerika lediglich auf die gezahlten Beträge, den Dollar, Wert lege.[3]

Clemenceau sieht sich auch in der eigenen Heimat scharfer Kritik ausgesetzt. Der Figaro zitiert Stéphane Lauzanne aus dem Matin, der dem ehemaligen Regierungschef erhebliche Vorwürfe macht.[1] Clemenceau sei kaum geeignet, eine Anklageschrift gegen den „schlechten Frieden“ zu verfassen, habe er doch selbst maßgeblich daran mitgewirkt.[1] Lauzanne fragt, wer im Namen Frankreichs die abschließende Rechnung über die verbleibenden amerikanischen Heeresbestände unterzeichnet habe, wenn nicht Clemenceaus Regierung.[1][2] Kritisch wird weiterhin angemerkt, dass der „Tiger“ seine scharfe Haltung ausschließlich gegen Amerika richte, obwohl auch England auf die Begleichung der französischen Schulden besteht.[1] Dem Vorwärts zufolge verbreiten in Paris kommunistische Kreise die Behauptung, Emile Buré, Herausgeber des nationalistischen Avenir, habe Clemenceau zu dem offenen Brief veranlasst.[5] Die Berliner Zeitung spricht spöttisch vom „blamierten Tiger“.[5]

Nach dem El Sol könnte das Schreiben Clemenceaus vor allem innenpolitisch in Paris starke Erschütterungen auslösen.[6] Die spanische Zeitung vermutet, Clemenceau habe sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt entschieden, Ministerpräsident Poincaré zu widersprechen, als dieser seine Haltung geändert hatte und nun die Kammern auf eine Billigung der Abkommen von Washington und London einschwören wollte.[6] Diese gesamte Arbeit drohe nun zu scheitern.[6]

In der angelsächsischen Welt fällt das Urteil streng aus. Die amerikanische Daily News bemerkt, der Brief werde in Europa zwar auf große Sympathie, in Amerika jedoch auf entschiedene Ablehnung stoßen.[3] Es sei schlicht zu spät; Amerika habe seine Entscheidung endgültig gefällt.[3] Je eher Frankreich sich damit abfinde, dass es seine Verpflichtungen ungeachtet aller Proteste erfüllen müsse, desto stabiler werde seine finanzielle Lage.[3] In London begegnet man der Entwicklung mit einer Mischung aus Besorgnis und reservierter Zustimmung.[1] Dort verweist man darauf, dass Clemenceaus Argumente in der englischen Presse schon lange bekannt seien.[1] Mindestens, so hoffen britische Beobachter, könne der Brief der Kampagne des amerikanischen Anwalts Peabody, der eine vollständige Annullierung der interalliierten Schulden befürwortet, neuen Nachdruck verleihen.[1]